Donnerstag, 16. Juli 2015

Tierschutz als Gelddruckmaschine?


Heute war ich bei Edeka. Vor der Türe erwarteten mich und alle anderen Kunden ein Mann, nicht mehr ganz so jung. In seiner Nähe ein Stehtisch und darauf dann eine Präsentationsmappe und ein paar Flyer.

Mantramäßig wiederholte er, das er ein paar Cent für den Tierschutz sammelt, für notleidende Tiere, keine Mitgliedschaft, die armen Tiere, nur ein paar Cent oder auch gerne eine Dose Futter. Da war ich dann ja - insbesondere nach dem gestrigen Gespäch mit dem TSV Ostprignitz-Ruppin mal neugierig.

Nick und ich näherten uns dem Tisch und sofort kam der Mann an und fing wieder mit seinem Mantra an: "Eine Spende für den Tierschutz... nur ein bisschen, das hat doch jeder übrig..."

ich: "Oh, woher kommen Sie?"

er: "Aus P***, das ist in Mecklenburg, wir haben dort einen Gnadenhof für notleidende Tiere..."

ich: "Haben Sie einen Flyer für mich?"

er: "Ja, selbstverständlich..." gibt mir den Flyer "...im Moment haben wir eine Katzenschwemme, sooo viele junge Katzen, wir nehmen sonst auch Futterspenden an, aber bitten nur Nassfutter für die Katzen!" zeigte auf einen Plastikkorb mit sorgfältig dekorierten Futterdosen aus dem Markt.

Ich zückte dann einen Flyer von Ruppi-Struppi und gab ihm den mit den Worten: "Bitte, das mache ich so... und ja, das mit der Katzenschwemme habe ich gerade gestern gehört. Da habe ich mit dem hiesigen Tierschutzverein Ostprignitz-Ruppin gesprochen, die suchen auch händeringend Pflegestellen!"

uiiiii, wie sich schlagartig Mimik und Stimme bei dem Kerl veränderten war phänomenal! So voll angepisst! 


"Dubios, alles seeehr dubios!"

Noch im Markt habe ich dann die Internetadresse von diesem Tierschutzverein und Gnadenhof mal aufgerufen, Smartphone sei dank und dann an der Kasse gesagt, ich würde es für besser halten, wenn hier örtliche Tierschutzvereine unterstützt werden anstatt irgendwelche dubiosen Vereine von weit weg. Die Kassiererin wusste überhaupt noch nicht, das draußen jemand steht und versprach, sich darum zu kümmern.

Der in netten Farben gehaltene Flyer wirbt dann schon einmal mit gekauften Bildern von Welpen. Tierbabys ziehen immer und ich dachte im ersten Moment: „hey, das eine Bild kenne ich von der Webseite von Farinos Züchterin!“ war dann aber doch nur fast genau so. Dann liest man dort "wir haben bewusst auf abschreckendes Bildmaterial auf unserer Homepage verzichtet. Wir vertrauen und appelieren an den gesunden menschlichen Verstand. Alleine der menschliche Verstand sollte ohne mitleidserregendes Bildmaterial ausreichen um unser Projekt finanziell zu unterstützen." Ah ja. Ich weiß ja nicht, was diese Leute unter abschreckendem Bildmaterial verstehen, aber ich habe dann doch diverses auf der Homepage gefunden. Aber ich habe wahrscheinlich einen anderen Maßstab dafür, was ich „abschreckend“ finde als Menschen, die so einen Geldsammelverein aufmachen.

Fakt ist, es gibt Tierschutzvereine wie Sand am Meer und nicht jeder davon hält, was er verspricht. Tierschutz in allen Ehren, aber manche Leute benutzen es als Lizenz zum Geld drucken. Ich habe dann mal am großen Rechner ein bisschen Google bemüht und bin doch baff erstaunt, wie unglaublich professionell dieser mir bisher nicht bekannte Verein in allen möglichen und unmöglichen Verzeichnissen steht, auf Firmenhomepages verlinkt ist etc..

Da schrillen dann schon mal die ersten Alarmglocken. Auch die Seiten im Bereich Social Media sind gut gepflegt und darauf ausgerichtet, viel her zu machen. Der Verein stellt sich als DIE Alternative zu staatlichen Heimen mit überlastetem Personal etc. dar. Tja, dann möge mir doch mal jemand die ganzen STAATLICHEN Tierheime nennen... mir ist kein einziges Tierheim bekannt, das dem Staat gehört. Selbst die städtischen Tierheime sind mittlerweile überwiegend privatisiert und unter der Leitung von Tierschutzvereinen!

Geht man auf die Startseite des Vereins, fallen gleich vier Sachen ins Auge: der riesengroße Hinweis auf eine kostenfreie 0800-Rufnummer, gekaufte Tierfotos, der große Paypal-Spendenbutton und der ebenso große Facebook-Button. Davon gibt es auf einer anderen Seite sogar zwei. Je öfters der geklickt wird, was ja sehr einfach ist, desto höher klettert auf der Facebookseite der „guckt mal, soooo viele Leute vertrauen uns!“-Status, was wiederum den seriösen Eindruck fördert. Wer einen seriösen Eindruck macht, bekommt eher Geld für einen guten Zweck. So einfach geht das. Wobei ich es für einen „bundesweit agierenden Verein“ der zudem auch auf Mallorca aktiv ist und so soziale Ziele hat dann doch ein bisschen merkwürdig finde, das es nur etwas über 500 Leute auf Facebook gut finden. Übrigens werden Flugpaten für zwei Katzen gesucht. Von Hamburg NACH Mallorca. Au weia. Nun geht es durch den ganzen finanziellen Zusammenbruch gerade in den südlichen Ländern schon so weit, das nicht nur Wiener Schnitzel, Bratwurst und deutsches Bier und ein König von Mallorca sondern auch hiesige Katzen auf die Insel exportiert werden müssen. Irgendwie tun mir die Spanier ja schon ein bisschen leid...

Facebook-Button Nummer zwei findet sich auf einer Seite mit Allgemeintext zu ausgesetzten und verwahrlosten Tieren, bei der dramatische Wörter wie "eiskalt" und "kaltblütig" fett gedruckt sind um mehr Eindruck zu machen und wo im Text auf die ach so total überlasteten Tierheime hingewiesen wird, in denen die ganzen ausgesetzten Tiere landen. Hm... wie genau DIESER Geldsammelverein sich dann da einbringt wird aber nicht erwähnt... ah, doch, eine Seite weiter:

"Wer ein Tier aus unserem Fundus". FUNDUS?????. Genau so steht es da, nicht einmal fett gedruckt. Also Fundus erinnert mich an Aktenablage, große Räume in Theatern voller Klamotten, an Mief, Staub, Verwahren und Klamottenkiste. Aber definitiv nicht an Tierschutz. Aber ok. Mitarbeiter des Vereines dürfen also jederzeit und unangekündigt auftauchen. Möchte jemand von so einem Verein ein Tier? Ich nicht. Nichts gegen Kontrollen. Aber weder unangekündigt noch jederzeit!

Immerhin, wer von diesem Verein ein Tier übernimmt, wird ein Jahr lang mit Futter versorgt. Ah ja, also je nach Anfall was die Leute gerade so in die bundesweiten Spendenkörbe der Promoter geworfen haben? Querbeet? "Fördermitglieder erhalten Futter zum Selbstkostenpreis". Bitte???? Ah ja und jetzt gibt es auch private Tierfotos in Bildergalerie mit einem irritierenden Wechsel. Allerdings steht bei den Bildern nicht bei, ob es tatsächlich Tiere sind, die der Verein vermittelt hat oder die dort auf dem Gnadenhof leben. Eher so nach einem Sammelsurium von "haste mal ein Katzenbild für mich, ich brauche eines!"-Herumgefrage in der Verwandschaft. Meine Meinung.

Natürlich legt der Verein auch Wert auf Transparenz. Deshalb ist die Mitgliederverwaltung und die Spendenverwaltung ausgelagert. Sprich: Geld, das Menschen eigentlich spenden wollen um Tieren zu helfen, wird dafür ausgegeben, das sich niemand von den Vereinsleuten mit Buchhaltung und Mitgliederverwaltung herumschlagen muss. Den Luxus würde ich auch vielen anderen kleinen Tierschutzvereinen gönnen. Die können sich das nur nicht leisten, weil die das Geld viel dringender für die Tiere brauchen.

Natürlich nimmt man auch arme Tiere von Leuten, die in ein Seniorenheim etc. umziehen müssen und gibt ihnen auf dem Gnadenhof einen wunderbaren Platz Auch das kommt mir irgendwie bekannt vor. Allerdings sieht man nur die Worte auf der Seite, nirgends etwas darüber, wie das dann tatsächlich umgesetzt wird und ob so ein Tier dann auch zum "Fundus" gehört. Wahrscheinlich, glaubt man der Aussage von dem Flyer: „Vermittlung der Tiere“. Nicht „Vermittlung VON Tieren“ sondern „Vermittlung DER Tiere“. Was bei einem Gnadenhof ja ohnehin etwas suspekt ist, denn allgemein werden ja Tiere an so einen Hof abgegeben, damit sie dort den Rest ihres Lebens in Würde verbringen können und die bisherigen Besitzer beruhigt sind, das ihr Tier ein gutes Zuhause gefunden hat, in dem sich Menschen die wissen, welche Bedürfnisse diese Tiere haben, dann fürsorglich darum kümmern.

Ich beschreibe euch jetzt mal, wie das „Katzengehege“ von dem Gnadenhof aussieht... stellt euch eine graue Hauswand vor mit einer üblichen Kunststofftüre für Terrassen. Dann stellt euch vor, das jemand zwei Reihen Betonsteine zu einem „U“ verlegt hat, als wenn man tatsächlich eine Terrasse an das Haus über die Breite anbauen wollte. Darauf sind dann ein paar Bretter, die Maschendraht halten und der ganze Aussenbereich ist mit Hackschnitzeln aufgefüllt. Voila... fertig ist der Hühnerauslau... äh... das Katzengehege. Kein Baum zum Klettern, kein Busch zum Verstecken, keine Röhren, kein Spielzeug, keine Blumen, keine Podeste, kein Sand, keine Erde – intensiv riechende Hackschnitzel für empfindliche Katzennasen! Aber über ach so schreckliche Tierheime lästern. Aber natürlich ist das ein Gnadenhof: Gnade dem Tier, welches dort hinkommt!

Kennt jemand von euch übrigens die Seite "petakillsanimals"? Der Hammer!

Die Webseite von dem mecklenburger Verein wurde übrigens von einer Firma in Berlin erstellt, die sich darauf spezialisiert hat, Werbeauftritte zu gestalten. Schon etwas merkwürdig, wenn auf dem Flyer steht „auf den Einsatz von Werbefirmen verzichten wir gänzlich“, dann auch einen Internetauftritt – egal wie gut oder schlecht er letztlich ist – von einer Firma erledigen zu lassen.

Leute, die sich finanziell nicht in der Lage sehen, ihr Tier zu versorgen wird auch geholfen. Zum Beispiel mit Vorkasse. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: auf der einen Seite stellt man groß dar, wie ungemein hilfsbereit man doch ist und das man sich auch um die bedürftigeren Tierhalter kümmert - und auf der nächsten erklärt man, das man einen Wirtschaftsprüfer bezahlt, die Verwaltung von Spendengeldern und Mitgliedern auch an jemanden abgeben hat, der das bezahlt bekommt - und auf der übernächsten Seite steht dann, man würde Menschen, die in Not geraten sind, zum Beispiel dadurch helfen, das man in Vorkasse geht. Also später die Hand wieder aufhält um auch noch den letzten Cent aus der Tasche des armen Menschen zu ziehen!

Auch andere Sachen muss man sich aus mehreren Seiten zusammensuchen. So wird auf der einen Seite erklärt, das man sich gerne auch um Senioren kümmert und mit deren Tieren Gassi geht, für sie Einkäufe an Futter etc. erledigt, wenn sie das selbst nicht mehr so können. Klingt doch gut - oder? Richtig selbstlos! Aber nein... so selbstlos und sozial ist man dann doch nicht. Denn wenn man sich dann weiter durch die Seiten und durch die Satzung liest kommt man ganz schnell darauf, das die alten Leute erst einmal natürlich Fördermitglieder in dem Verein werden müssen und das bedeutet, ab 40 Euro im Jahr ist man dabei. Komisch nur, das es genau einen Artikel aus dem Schweriner Tageblatt über so einen bundesweit selbstlos agierenden Verein gibt. Der TSV Ostprignitz-Ruppin taucht immer wieder in den hiesigen Zeitungen auf. Ich könnte gar nicht so viel kotzen, wie ich eigentlich müsste, je länger ich mich mit dem "bundesweiten Verein" befasse.

Dann habe ich mit den Schlagwörtern Tierschutz und Vereinssitz gesucht und es wurde eine Stellenanzeige vom Januar ausgespuckt: Bundesweit wurden Promoter für den Bereich Tierschutz gesucht. Bezahlt wird 8,50 Euro pro Stunde, Sozialleistungen sowie ggf. Provision, Übernachtung und Verpflegung. Dem gegenüber stelle ich mal die Angaben vom Flyer: „Bei unseren Repräsentanten handelt es sich ohne Ausnahme um Gründungsmitglieder, die diese Tätigkeit ehrenamtlich erfüllen“ sowie „lieber Tierfreund, der von Ihnen geleistete Beitrag wird in Ihrer Region verwendet...“. Ah... ja. Hätten wir das also geklärt.

Liebevoll ist bei dem Geldsammel-Verein eigentlich nur eines: Das auf allen Seiten immer und immer wieder darauf hingewiesen wird, wie einfach man Geld spenden kann. Selbst via SMS. Tatsächlich ist genau DAS wirklich der einzige Punkt, der nachvollziehbar und transparent ist: SPENDE GELD - egal wie!

Das erinnert mich an eine recht ähnlich Sache: einen Verein, der in meiner Heimatregion jemanden von Haus zu Haus schickte mit einer Präsentationsmappe und netten Flyern. Da ging es darum, das an der Nordseeküste ein Ferienhof für bedürftige Kinder insbesondere aus dem Ruhrgebiet aufgemacht werden sollte. Mit Fachpersonal, psychologischer Begleitung, Tiertherapie etc.. Das Vereinslogo zeigte dann auch ein typisches norddeutsches Reetdachhaus mit einem Pferdchen davor und ein paar Bäumen. Gezeichnet natürlich. Fand ich ja alles ganz spannend, habe nachgefragt und dann wurde mir die Mappe gezeigt. Ein großer Zeitungsartikel aus der NWZ von den edlen Absichten des Vereins mit ein paar Leuten drauf - und dann gab es recht weit hinten in der Mappe auch ein Foto von "die Gebäude haben wir schon!". Nix mit Reetdachhaus, Nachkriegsbaracken irgendwo in der Pampa, sanierungsbedürftig ohne Ende... gut. Kann ja mal passieren.

Der Hammer kam aber dann zwei Tage später, als ich mit meiner Schwester telefonierte, die ganz in der Nähe des Vereinssitzes wohnte. Ich habe ihr davon erzählt und die Adresse genannt - und dann kam von ihr nur ganz trocken: DIE ADRESSE???? Das ist das alte Gasthaus! Da ist jetzt ein Puff drin! Hä? Hingefahren, tatsächlich. Also, ein Verein, der sich für den Schutz und das Wohl von Kindern einsetzt, dessen Sitz in einem Bordell ist? *hust*

Vereinsgründungen sind relativ einfach und ein ziemlich beliebtes Steuersparmodell. Nicht jeder e. V. ist so gemeinnützig, wie es den Anschein hat! Da ich mich ja lang und breit damit befasst habe, wie ich mit Ruppi-Struppi von ALG 2 wegkomme, bin ich auch auf die vielen Tipps zur Vereinsgründung gestoßen, die einzig und allein den Zweck haben, als Steuersparmodell zu fungieren. Ich hätte da übrigens noch Literatur zu... ;-)

Stellt euch einfach mal die (fiktive) Begebenheit vor: da treffen sich in einer Kneipe auf einer netten Urlaubsinsel ein paar Geschäftsleute, die dort auf der Insel vielleicht eine nette Finca haben, in Deutschland eine Firma - und die überlegen, wie sie Geld sparen und den Leuten die Kohle aus der Tasche ziehen können. Der eine ist Anwalt, der nächste ist Wirtschaftsmensch, noch einer hat eine Internetfirma, der nächste eine Kneipe auf Malle. Alle kennen noch ein paar andere Leute, die Firmen haben und gerne Geld sparen möchten, aber auch dem Geld verdienen nicht ganz abgeneigt sind und ohnehin - Steuerwesen in Deutschland finden sie zum kotzen. Was machen die also? Gründen einen Verein, der schon vom Thema her verspricht, eine gute Gelddruckmaschine zu sein. Behinderte, Kinder, Tiere und Senioren sind dafür ideal, denn das erzeugt immer Aufmerksamkeit. 

Damit man ihnen nicht zu sehr in die Karten gucken kann, werden die Vereinsstatuten so formuliert, das ein Finanzamt sie schluckt um die Gemeinnützigkeit anzuerkennen, sie aber genügend Spielraum lassen um die tatsächlichen eigenen Interessen zu vertreten und sich gegenseitig Spendenquittungen und Rechnungen zuschieben zu können, die man von der Steuer absetzen kann.

Die Gnadenhöfe und Tierschutzvereine hier in der Region arbeiten hier vor Ort. Egal ob der TSV Ostprignitz-Ruppin, der Hof der kleinen Tiere oder die Wildtierrettung Lehnitz. Die Leute gehen alle selbst arbeiten um den Tierschutz überhaupt machen zu können und nichts steht ihnen fern, als sich auf Kosten von Tieren selbst zu bereichern.

Aktuell sucht der hiesige Tierschutzverein noch dringend Pflege- und Endstellen für Katzen.

Und der Hof der kleinen Tiere hat in Kürze Kaninchen abzugeben.

Den betreffenden Verein habe ich nicht genannt und auch den Vereinssitz nicht. Aus rechtlichen Gründen, denn wenn man solche Strukturen mal ein bisschen zerpflückt, kann das verdammt teuer werden. Niemand lässt sich gerne in die Suppe spucken. Vielleicht werdet ihr vor irgendeinem Supermarkt mal angequatscht, dann wisst ihr, wer gemeint ist. 






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Vielen Dank für den Kommentar. Er wird nicht sofort zu sehen sein, weil ich erst noch schauen möchte, ob es tatsächlich ein Kommentar ist oder ob es Werbung aus Nigeria und Co ist.