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Samstag, 9. November 2013

Der vorletzte Tag vom Martinimarkt.


Seit gestern geistert schon ein kurzes Video durch die Gegend, wo jemand seine Abgenervtheit vom Orgelwagen sehr kreativ auslebt in dem er ihn mit einer Art Raketenwerfer abschießt. Das hat durchaus was...

Für uns gab es ja nun kein „Entrinnen“, wobei wir dieses Jahr recht ruhig gelebt haben. Wir mussten jeden Tag irgendwie wenigstens zur Hunderunde irgendwie ein Stück über den Markt und das ist dann je nach Tagesform von Joey mehr oder minder anstrengend gewesen. Allerdings sind auch viele andere Hunde ob des ganzen Markttrubels etwas gestresster. Kein Wunder, Hunde haben einen Geruchssinn, der dem menschlichen weit, weit, weit überlegen ist (nicht alle Hunde, aber viele). Da werden selbst kleinste Geruchspartikel noch wahrgenommen, die der Wind durch die Strassen weht.


der doppelte Farino


Von der Zeitplanung her haben wir uns bemüht, die Hunderunden dann zu machen, wenn kein oder noch nicht so viel Markttubel ist. Also morgens, sehr früh am Nachmittag und möglichst spät abends. Das hat nicht immer geklappt, aber oft und diese Woche haben wir auch wieder sehr lange Nachmittagsrunden gemacht, bei denen insbesondere Joey dann auch sehr viel ohne Leine laufen konnte, was er natürlich absolut klasse findet. 

Joey in seinem Element

Ausgiebiger Freilauf ist für ihn der entspannende Ausgleich zum Laufen an der Leine – und genau das ist im Moment ein enormer Stressfaktor bei uns beiden. Nachdem er bei mir für eine längere Verletzungsliste gesorgt hat und mich fast ins Krankenhaus befördert hat mit seiner „oh, eine Katze/ein Hund... ALARM und Hirn auf Durchzug!“-Art ist jetzt sehr viel mehr Konsequenz angesagt und er bekommt weit engere Grenzen gesetzt als vorher schon, wenn wir im Kernstadtbereich sind. Das ist für uns beide sehr anstrengend, aber es nützt niemandem etwas, wenn ich mir die Knochen breche, Joey vor ein Auto springt, ein Kind umreisst oder jemanden vom Fahrrad holt, weil ein anderer Hund in Sichtweite ist. Heute morgen hatten wir dann auf 300 Metern vier Hunde und zum Glück keinen Autoverkehr. Aber danach war ich klatschnass geschwitzt und konnte kaum noch die Leine halten. Angelt jemand von euch? Stellt euch mal vor, ihr hättet einen 15 Kilo-Fisch am Haken, der alles macht, um bloß nicht aus dem Wasser gezogen zu werden! Als Angler hat man das ganz, ganz selten, wenn überhaupt je im Leben. Ich habe so etwas Ähnliches jeden Tag mehrere Male. Je nach Tagesform des Hundes. Wenn ihr dem Fisch zurufen würdet: „Halt endlich still, dann ist es einfacher!“ - würde der euch verstehen und auf euch hören? Nein? Warum nicht?

Die neue Kamera ist auch sehr ausgiebig getestet worden, der Martinimarkt und die Hunderunden geben wirklich unheimlich viele Fotomotive her und es macht riesig viel Spaß, die verschiedenen Funktionen auszutesten. Ein ganz, ganz, ganz herzliches Dankeschön an Christoph von chip-online für die tolle Empfehlung, genau das, was wir brauchen!

ups, wer rüsselt dann da wo???


Na ja, und dann war da ja noch die Sache mit dem Laptop-Monitor. Dessen Bild sieht wirklich sehr dekorativ aus und bietet nun die perfekte Tastenbeleuchtung. Ich habe jetzt einen externen Monitor von Benq der mehr als doppelt so groß ist. Es ist ein kombiniertes Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk von meiner Family.

der alte und der neue Monitor...


Meine Tochter hat dann ein Foto bekommen von beiden Monitoren hintereinander und der Kommentar von ihrem Kollegen war, das die Primärbruchstelle aussieht, als ob von aussen etwas eingedrückt wäre. Joah, die Primärbruchstelle hat die grobe Form einer kleinen Hundepfote. Soviel dazu. Tiere fahren irgendwie voll auf meine Sachen ab, ein Haufen anderer Sachen von mir werden nämlich von Katzen, Mäusen und Waschbären und so einer Art Kugelfisch als sehr interessant befunden.


Dienstag, 6. August 2013

Entspannte Tage



es war nur sehr warm. Zu warm. Farino ist jetzt noch einen großen Eimer Fell losgeworden. Samstag kam dann Post von der Kämmerei. Für den neuen Hundesteuerbescheid braucht es etwas länger um da durch zusteigen. Warum einfach, wenn es auch hochgradig umständlich geht. Und warum ich im Sommer 2013 dann schon mit den Hundesteuern für 2014 im Soll stehe... keine Ahnung. Es ist halt ein Steuerbescheid, wahrscheinlich soll man da auch gar nicht so genau durchblicken.




Aber Joey hat jetzt seine Steuermarke, die dann auch gleich ans Halsband gekommen ist. Erst einmal provisorisch, weil ich keine Kabelbinder hier habe, und mit Kabelbinder halten die Teile direkt auf dem Halsband nun einmal perfekt, klimpern nicht rum und reißen auch nicht ab. 

Wer mag und hat kann noch ein Stück Neopren oder so unterlegen, kommt auch auf die Breite vom Halsband an.  




Nach einem etwas Joey-stressigen Freitag wo er dann wieder mit Gejaule zu jedem Hund wollte und wir uns böse in die Wolle bekommen haben, waren Samstag und Sonntag richtig locker. Es war so warm, das ich mich nicht hätte auf die Gertenarbeit konzentrieren können – und so habe ich sie zu Hause gelassen. Wir hatten wirklich nette Runden im gemächlichen Tempo und mit öfters stehen bleiben bis die Leine sich wieder entspannt...

Das wäre so vor einer Woche nicht möglich gewesen. Auch Hundebegegnungen – viele regen ihn zwar nach wie vor auf und er zieht und rennt hin und her um seine Spannung abzubauen – aber es ist schon viel, viel, viel besser geworden!

Er ist mir in den letzten beiden Tagen kein einziges Mal so in die Leine gesprungen, das ich dachte, es zerreißt meinen Rücken oder kugelt mir den Arm aus. Das ist ein Fortschritt. Er schaut jetzt öfters auch wenn wir unterwegs sind, was ich möchte. Auch das ist ein großer Fortschritt, bislang war ich in der Stadt ja so ziemlich komplett abgeschrieben.



Nur auf dem Rückweg am Samstag Abend, da hörten wir dann irgendwann ein Feuerwerk. Zum Glück waren wir in Höhe des Fontane-Denkmals, hatten es also nicht mehr ganz so weit bis nach Hause. Da war dann alles aus und vorbei - Joey ist in Panik ausgebrochen. Das wird dann auch irgendwann mal eine „Baustelle“.

Montag hatte uns dann der Alltag wieder, Schulbeginn und mehr Leben auf den Straßen. Ich würde es mal so ausdrücken: um halb acht war die Welt noch relativ in Ordnung, eine Stunde später war der Kernstadtbereich für Joey dann wieder viel zu stressig. Zur Not hüpft dieser Hund wie ein Frosch über die Straße! Während ich also vorne mit Joey zu kämpfen hatte, der unbedingt zu einem anderen Hund hin wollte, was er aber nicht sollte, blieb Farino hinter mir und hat abgewartet. Der hat sich einfach hingesetzt und ich habe das erst 100 Meter später mitbekommen, als Joey dann wieder „Auf dem Teppich“ und wir am Hund vorbei waren.

Farino ist weg. Wo ist Farino? Also zurück, um die Ecke geschaut, da saß Farino ganz brav neben einem Auto und hat einfach gewartet, bis alles vorbei ist und er wieder abgeholt wird! Oh man. Da ich Farinos Leine meistens lose in der Hand habe, weil er ja echt problemlos ist und ich so die Leinen schneller auseinander sortieren kann, falls Joey mal wieder munter überall über, unter und durch die Leinen springt, habe ich im Eifer des Gefechts gar nicht mitbekommen, das die Leine runter ist.

Weil es dann so warm war, habe ich die Abendrunde auf sehr spät gelegt. Weiterer Vorteil: es ist nichts mehr los auf den Straßen und die Reizüberflutung für Joey ist weg. Entsprechend angenehm und problemlos war die Runde dann auch.

Fazit: Joey ist nun 25 Tage hier und er hat trotz allen Problemen enorme Fortschritte gemacht und läuft mittlerweile überwiegend manierlich an der Leine. Von einem akzeptablen „bei Fuss“ sind wir noch eben so weit weg wie vom draussen ableinen. Von der „unglaublichen Dankbarkeit südländischer Hunde“ (oder Hunden aus Balkanländern), die manche Leute diesen Hunden nachsagen, kann ich nichts erkennen. Er ist sehr umgänglich, das sind andere Hunde auch, aber er hat eben auch Defizite und da muss man mit klaren Grenzen, Konsequenz und Erziehung arbeiten und kann nicht auf so etwas wie „aus Dankbarkeit mache ich alles, was du willst!“ hoffen. Zumal ein solcher Hund ja auch erst einmal begreifen muss, was man überhaupt von ihm erwartet.

Gestern sagte mir jemand: „Aber er hat hier jetzt ja ein viel besseres Leben!“ - nach menschlichem Empfinden... ja. Was die Futterversorgung und ein Dach über dem Kopf anbelangt: auch ja. Aber er hat die Freiheit eines Streuners dafür aufgegeben/aufgeben müssen um ein nach menschlichen Maßstäben „besseres“ Leben zu führen. Das sollte man nie vergessen. Ein Hund weiß nicht, was Geld ist, was Futter und medizinische Versorgung kostet (und andere Tiere wissen das auch nicht). Es ist ihm auch herzlich egal, denn das sind „Menschendinge“.

Ebenfalls sagte mir gestern jemand, der eine der Auseinandersetzungen mit Joey mitbekommen hat: „Leckerlies, nehmen Sie Leckerlies!“. Es ist eine sehr interessante Erfahrung mit einem Hund zu arbeiten, den Leckerlies (bzw. das Hundefutter) draussen meistens gar nicht interessiert. Er ist innerlich so angespannt, das er überhaupt nicht ans Fressen denkt. Auf dem Platz geht es besser, in der Stadt so gut wie gar nicht. Würde er draussen auf Futter, Quietschies oder so reagieren, wäre vieles weit problemloser...

Vielleicht kann man es sich so vorstellen wie die GSG 9 im Einsatz. Angespannt und wachsam. Da kann auch keiner eine Tüte Gummibärchen werfen und sagen: „Jungs, entspannt euch mal!“ und erwarten, das sie darauf reagieren und sich ablenken lassen ;-. Oder diese Bärenfellmützen-Soldaten in London. Auch da gibt es immer wieder mal Videos zu finden, wie Leute versuchen, sie durch irgendwelches Gehampel dazu zu bringen, ihre Mimik und Gestik zu wechseln. Geht nicht. 

Samstag, 27. Juli 2013

"Na hoffentlich wird der nicht zum Pferd!"



meinte Franzi, als ich ihr erklärte, dass ich jetzt bei Joey mit einer langen Touchiergerte arbeite.

Nein, wird er nicht – aber es hat durchaus Vorteile, wenn man lange mit Pferden und Ponys gearbeitet und sich mit den verschiedenen Ausbildungsmethoden befasst hat.

Auf die Idee mit der Gerte bin ich gekommen, nachdem ich einen Abend irgendwie ständig seine Beine an oder unter meinen Füssen hatte. Er zieht und läuft dabei im Zickzack. Er könnte ja irgendeinen tollen Geruch verpassen – und ihn mit mit Armkraft an der Leine seitlich zu halten geht auf Dauer nicht. Kurz: ich war irgendwann nur noch abgenervt und angesäuert und hatte die Nase voll vom Leinengezerre.

Dann habe ich mich an das Buch von Anton Fichtlmeier über Leinengehorsam erinnert, der hat irgendwo dann auch mal eine Gerte benutzt und vor allem bildet er auch Jagdhunde aus. Letztlich war es bei unserem Pony vor der Kutsche und bei der Bodenarbeit ja nicht viel anders. Es werden Peitschen und Gerten eingesetzt um den eigenen Arm zu verlängern und so gezielt Signale geben zu können. Jedenfalls ist das Sinn und Zweck der Teile. Es sollte jeder, der damit arbeitet, an seinen bloßen Beinen mal ausprobieren, welche Schlagkraft die Teile haben.

Also am nächsten Morgen meine Springgerte rausgesucht. Die ist zwar sehr kurz, aber mit einer „Klatsche“ am Ende, also einer breiteren Lederschlaufe. Da habe ich dann einige zusammenhängende Tüten durchgezogen (von der Muffbeutelrolle, sehr praktisch...) und fertig war mein „verlängerter Arm“. Der Versuch mit der Springgerte war so gut, das ich auf dem Rückweg von der Runde gleich in den Reiterladen nebenan marschiert bin und dort das Gertensortiment durchgeschaut habe. Entschieden habe ich mich dann für eine Touchiergerte, die 1,50 m lang ist.

Was macht man im Pferdebereich mit Touchiergerten? Nicht alles geht nur vom Sattel aus, man kann auch wunderbar vom Boden aus mit einem Pferd arbeiten und ihm dabei z. B. Tricks wie „Verbeugen“ oder „Spanischen Schritt“ beibringen. Mit einer Touchiergerte hat man die Möglichkeit, dabei gezielt das Bein anzuticken, das gehoben werden soll – und das auch aus sicherer Entfernung. Es gibt mitunter so Spezialisten, die meinen, es ginge auch so, sie könnten das mit der Hand machen. Nicht wenige sind dabei schon von ihrem Pferd ausgeknockt worden, weil plötzlich das Bein hochgeworfen wurde und da leider der Kopf vom Mensch noch im Weg war. Das ist dann ungefähr wie ein Kinnhaken mit einem Vorschlaghammer. Nicht schön.

Was mache ich jetzt bei Joey mit der Touchiergerte? Ich habe da mal ein bisschen gezeichnet um euch das besser erklären zu können:




Joey läuft vor mir, die Leine ist bei mir am Bauchgurt eingehakt. Er läuft vorweg, Blick immer geradeaus. Auf Stimme reagiert er nicht. In dem Bild habe ich mit rot mal grob die Blickwinkel eingezeichnet. Die senkrechten roten Striche sind quasie die seitlichen Begrenzungen, da nehmen wir noch etwas wahr.

Also ist klar – selbst wenn ich mit den Händen ein Signal geben würde – Joey würde das nicht mitbekommen – und die Zieherei an der Leine erzeugt letztlich nur Gegendruck – und nicht, dass er es wirklich als Signal wahrnimmt, auf das er bereitwillig reagieren soll.

Am Ende der Touchiergerte ist wieder „Geraschel“ angebracht, das auch gut zu sehen ist. Und genau so kann ich Joey ein Signal geben, das er auch mitbekommt. Er hört das Geraschel – und die Tüten (also das Geraschel) sind in seinem seitlichen Blickfeld. Wir haben zwei Tage lang auf den Gassirunden geübt, das er da, wo die Tüten rascheln nichts zu suchen hat. Es wurde immer in einigem Abstand mit der Gerte gewedelt, wenn er versucht hat, diese Richtung einzuschlagen. Was auch bedeutete, das er sich ungefähr dreimal einen Nasenstüber eingefangen hat, weil er unbedingt „durch die Gerte“ laufen wollte. Das heisst, er ist wirklich in die wedelnde Gerte reingelaufen. 

während des Laufens aufgenommen um euch zu zeigen, wie das aussieht

Es sieht vielleicht merkwürdig aus, wenn wir so unterwegs sind und vor allem ist es so, das man sich vor allem am Anfang wirklich die ganze Zeit auf Hund und Gerte konzentrieren muss – aber es hat sich total gelohnt! Denn im Vergleich zu vorher sind wir jetzt viel stressreduzierter unterwegs. Von komplett locker sind wir noch weiter weg, aber die Arbeit mit der Touchiergerte ist ein großer Schritt in diese Richtung. Denn in seiner Angespanntheit braucht Joey eigentlich jetzt erst einmal nur ein Signal wirklich beachten – und das ist das Geraschel. Die Leine ist seine Begrenzung nach vorne. Bleibe ich stehen, gehe ich langsamer, muss er es automatisch auch.


hier noch mal etwas "dichter dran", das ihr seht, Geraschel  ist auf Kopfhöhe...

Das Geraschel am Ende der Gerte sagt ihm: Bis hierhin – und kein Stück weiter! Damit habe ich Platz vor meinen Füßen und kann verhindern, das er hin und her rennt. Ist die Leine länger, er sehr aufgeregt und Platz genug, kann ich ihm den Raum im Halbkreis vor mir geben und verhindern, das er hinter mich läuft (na ja theoretisch, praktisch klappt es noch nicht immer – aber immer besser).

Würde ich das „Geraschel“ als „Fläche“ machen, also zum Beispiel als viereckiges Tuch, könnte ich ihm damit das Sichtfeld bei Bedarf einschränken. Das bedeutet, ich könne zum Teil verhindern, das er Katzen und andere Hunde überhaupt sieht und auch abbiegen kann ich mit der Touchiergerte anzeigen – denn das Prinzip ist ja: Weiche vor dem Geraschel.

Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht. Zumindest in vielen Fällen etwas entspannter. 

Grad noch rausgesucht, ein Video wo man sieht, wie bei der Bodenarbeit mit einem Pferd Gerten als verlängerte Arme eingesetzt werden :-D

 

Manchmal ist das Verkehrte genau das Richtige...

Nachdem Joey bei vielen Hundebegegnungen komplett abgedreht und ausser sich geraten ist, habe ich ihn ja erst immer irgendwann herzhaft in den Nacken gepackt und auf den Boden gedrückt. Das sah (und sieht) gemein und brutal aus und damit handelt man sich manch bösen Blick anderer Leute ein. Für Joey ist es sicherlich auch nicht angenehm. Aber man stelle sich einfach mal vor, was passiert, wenn man in den Bewegungsradius eines außer sich geratenen Hundes gerät. Egal ob als anderer Hund, als Besitzer, Kind, Erwachsener, ob zu Fuß oder mit dem Rad.

Es ist nicht so, das ich vorher nicht andere Sachen versucht hätte – aber dass hat alles nichts gebracht. Auf Worte reagiert er nicht. Quietschies interessieren ihn überhaupt nicht. In die andere Richtung gehen – ja, ist aber genau dann doof, wenn von dort auch ein Hund kommt. Ausweichen ist ja auch gar nicht Sinn der Sache, sondern Joey soll lernen, das Hundebegegnungen gesittet ablaufen können. Er will ja nichts Böses – er will einfach nur jeden Hund kennen lernen. Vielleicht sucht er auch einfach „alte Kumpel aus Finikounda“?

Vor einigen Tagen ist er so dermaßen durchgedreht, das ich in dem Moment dachte: „Scheiß was auf das Gerede vom Alpha-Wurf und wie schädlich das angeblich für den Hund ist!“. Nach einigem Gerangel habe ich ihn auf den Rücken befördert. Eine Hand an der Kehle, eine an der Flanke und unmißverständlich klar gemacht, das es jetzt reicht und er erst dann wieder aufstehen darf, wenn ich das will. Er wirft sich auch schnell mal hin und macht eine Unterwerfungsgeste – aber der Instinkt sagt ihm: „Danach geht es weiter!“ - diesmal nicht. Immer, wenn er den Kopf wieder gehoben hat: „Runter damit, ich meine das wirklich ernst!“

Das hat er dann auch begriffen. Und wenn es ihn verunsichert hat – ja, dann ist doch eigentlich gut. Denn seine bisherige SICHERHEIT war ja das Wissen, sofort wieder aufspringen und weiter Rabatz zu machen. Das ist, was er in seinem bisherigen Leben gelernt hat: Immer wachsam sein. Also braucht es durchaus VERUNSICHERUNG um neu zu lernen. Darüber habe ich aber erst später nachgedacht.

Joey lag also da, hat mit Nachdruck erlebt, das ich eine sehr klare Ansage mache... und der Kopf blieb tatsächlich unten, der Atem wurde ruhiger. Meiner übrigens auch. Es gibt auch mir eine Auszeit um Luft zu holen, Leinen zu sortieren, mir den Schweiß abzuwischen, gucken, ob ich irgendwo blute ob der ganzen Kratzer und Farino zu loben, weil er einfach ruhig stehen bleibt und wartet bis der Kleine sich wieder berappelt hat. Dann geht es weiter. Deutlich ruhiger und dafür wird gelobt. OK, beim ersten Mal kam nach zwei Minuten dann eine Katze... :-(

Ich habe das zwei Tage lang bei jeder Hundebegegnung gemacht, wo er komplett ausgeflippt ist. Er flippt ja nicht bei jeder Hundebegegnung so aus, sondern nur bei wenigen. Nach dem zweiten Mal brauchte er schon gar nicht mehr auf dem Rücken liegen - einfach nur auf der Seite. Binnen einer Minute war der Hund deutlich entspannter. Einmal ist er sogar dabei weggedöst. :-D Er bekommt dann auch nicht mehr viel mit. Ein Auge ist unten, eines guckt zum Himmel – Hund oder Katze sind gar nicht mehr im Blickfeld.

In diesem Fall war es eine richtige Entscheidung, so zu handeln, denn ein Straßenhund kann mit „Nein, lass das bitte sein!“ nichts anfangen und lieber wenige Male etwas herzhafter zupacken und sich durchsetzen und damit dem Hund (und sich selbst) eine Möglichkeit geben, sich zu entspannen – und ihm letztlich neben dem „das Verhalten ist unerwünscht!!!!!“ auch zu vermitteln: „und wenn du auf dem Boden liegst, dann kannst du entspannen, denn ich passe auf dich auf!“.

Wenn ich so beim Schreiben darüber nachdenke... ich kann Joey verstehen. Es ging mir sehr lange Zeit genau wie ihm. Ich hatte mit Stalkern zu tun und habe eine Trennung hinter mir, die sehr unschön ist. Ich weiß nur zu gut wie es ist, aus der Haustüre zu gehen und schlagartig komplett angespannt und wachsam zu sein. Es ist wahnsinnig anstrengend und belastend! Manchmal ist Sicherheit nämlich genau das: ständige Anspannung und Wachsamkeit. Es nicht zu sein, kann böse ausgehen. Wenn ich als Mensch schon lerne, das letztlich nur ich selbst für meine Sicherheit verantwortlich bin weil alles andere letztlich nichts weiter als Papier und mehr oder minder gut gemeintes Gerede ist - wie muss es da erst einem Hund gehen?

Erst als ich Joey mit Nachdruck gezeigt habe:“Wenn du unten bist, dann passe ich wirklich auf dich auf und dir passiert dann auch ehrlich nichts!“ hat er nach und nach begriffen: „Das ist ja tatsächlich so!“ - und ein Stück seiner bisherigen Sicherheit gegen ein Stück wirkliches Vertrauen eingetauscht. Vertrauen ist nicht, dass ein Hund jedem Menschen gegenüber freundlich ist. Denn das kann auch so eine Art „Vertreter-Mentalität“ sein: immer schön nett und freundlich zu allen sein, damit erarbeitet man sich Vorteile. Als Hund unter anderem die Möglichkeit, schneller an Futter zu kommen.

Ich habe Joey seit zwei Tagen nicht mehr so hinlegen müssen. Heute ist er noch mal etwas mehr ausgerastet, da hat es gereicht, das ich irgendwann seinen Kopf einfach gegen mein Bein gedrückt habe. Noch nicht mal mit viel Nachdruck, einfach als „so, jetzt guckst du mal in eine andere Richtung und holst Luft!“. Das nenne ich Fortschritt. Und wirklich wachsendes Vertrauen.

ABER... im Prinzip haben die Hundefachleute tatsächlich Recht, die sagen, dass so ein „Alpha-Wurf“ nicht gut ist – denn es kann genau das Gegenteil eintreten: vorhandenes Vertrauen vom Hund in den Hundeführer wird komplett zerstört oder nicht vorhandenes erst recht nicht aufgebaut - und im schlimmsten Fall gibt es einen üblen Beißvorfall!

Ich habe das Glück, Farino dabei zu haben, der mit viel Gelassenheit und Ruhe vermittelt, dass auch wenn ich mal zupacke, trotzdem alles in Ordnung ist. Als Orientierung für Joey ist das sehr wichtig. Als Mensch kann ich letztlich noch so gut meinen – ich bleibe immer ein Mensch. Meine Sprache und mein Handeln ist menschlich, selbst dann, wenn ich mich bemühe „hündisch“ rüberzubringen. Farino ist ein Artgenosse. Seine Ruhe und Gelassenheit ist glaubhafter als alles, was ich Joey je sagen könnte.












Mittwoch, 17. Juli 2013

Wenn Dauergebell auf die Nerven geht...


Vor einigen Tagen ist in der MAZ ein Kommentar zum Thema „bellende Hunde“ erschienen. Danke an Roland, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Es geht um einen Hundehalter, der seinen Hund während des Einkaufs in der Bilderbogenpassage vor dem Lebensmittelgeschäft anbindet. Herrchen geht seelenruhig einkaufen, Hund kläfft währenddessen die ganze Umgebung zusammen. Das nervt irgendwann ungemein, besonders wenn es so hallt wie dort in der Passage und damit für einige Menschen konzentriertes Arbeiten so gut wie unmöglich wird. 

Hunde dürfen mal bellen, kein Ding. Das liegt in ihrer Natur und gehört zu ihrem Sprachrepertoire. Aber Dauerbellen liegt nicht in der Natur eines Hundes. Wenn ein Hund ständig bellt, egal ob ein kleiner Hund große ankläfft oder ein Hund bellt, wenn er alleine gelassen wird - DAS ist vom Besitzer verursacht. Jegliche Entschuldigung wenn so etwas über Wochen und Monate anhält und eine Bemerkung deshalb nur mit einem Achselzucken erwidert wird ist eigentlich nichts weiter als die Aussage: „Ich bin zu faul den Willen, die Mühe, Konsequenz, Zeit und das Geld dafür aufzuwenden, um mit meinem Hund an dem Problem zu arbeiten!“.

Dauerbellen ist nicht, wenn ein Hund zwischendurch ein paar Mal bellt. Das macht meiner auch und dafür gibt es zwei Gründe. Gehe ich einkaufen und er wartet vorne, bellt er manchmal drei Mal, damit ich ihn nicht vergessen. Muss er länger alleine zu Hause bleiben, kann es sein, das er dann auch immer mal wieder kurz bellt. Nachdem sich in Wuppertal mal Nachbarn beschwert haben, das er „ständig bellen würde“, habe ich mal über zwei Stunden eine Videokamera aufgebaut und nachher den kompletten Film geschaut.

Von über zwei Stunden hat er insgesamt 2 Minuten und 15 Sekunden gebellt – und das auch nicht durchgehend, sondern immer wieder mal. Bei Hunden bedeutet das: „Ich bin hier, wo seid ihr?“. Bei den Wölfen dient dies zur Orientierung, damit sich das Rudel wiederfindet. Die Nachbarn (selbst Hundehalter) fanden es übrigens nicht so toll, dass ich nachweisen konnte, dass das angebliche „Dauerbellen“ dann ganz anders war.

Im Moment habe ich mit Joey ein Problem, wenn er andere Hunde sieht. Die möchte er alle kennen lernen. Wenn er das nicht darf oder die Hunde nach einer Begrüssung weggehen, kommt er damit noch nicht zurecht und gerät oft ausser sich. Er ist so auf den anderen Hund konzentriert, das er nichts anderes mehr wahr nimmt. Es ist anstrengend, und wenn man dem vierten Hund auf einer Runde begegnet ist, fängt es auch an zu nerven. Er zieht, springt, stellt sich auf die Hinterpfoten und fängt an zu kläffen und jaulen.

Es wird noch einige Zeit dauern, bis Joey gelernt hat, Hundebegegnungen gelassener zu nehmen. Wir arbeiten jeden Tag daran. Es sind viele Schritte, die einem nach und nach zum Ziel bringen. Ich wollte nie Kinder haben, die anderen Leuten rücksichtslos auf den Nerven herum trampeln – und genau so möchte ich keine Hunde haben, die so etwas tun. Denn Beide haben etwas gemeinsam: als Erstes wird auf meinen Nerven herum gesprungen.

Es gibt drei weitere Gründe, warum an einem Fehlverhalten wie Bellen beim alleine lassen oder ausser sich geraten bei Hundebegegnungen gearbeitet werden sollte: Der Hund würde durch eine Begleithundeprüfung rasseln. Der andere Grund ist rein rechnerisch: Ein Hund hat oft eine Lebenserwartung von über 10 Jahren. Gebe ich mir ein paar Wochen lang Mühe, ein Fehlverhalten zu korrigieren, ist diese Zeitspanne gemessen am gesamten Hundeleben und meiner nervlichen Belastbarkeit ein Bruchteil. Zudem findet sich für Notfälle (man kann immer mal krank werden, einen Unfall haben oder ohne Hund verreisen müssen) leichter jemand, der auf einen unkomplizierten Hund aufpasst.

Es ist schon erstaunlich, welch Unwillen manche Besitzer insbesondere kleiner Hunde an den Tag legen, ihren vierbeinigen Kröten Grunderziehung angedeihen zu lassen und einfach den Hund bestimmen lassen, was er gerade zu tun gedenkt. Wenn es nicht das ist, was der Besitzer möchte, dann sind 3 – 6 Kilo am anderen Ende der Leine nicht viel. Die lernen dann auch durchaus mal „fliegen“. Wenn so eine kleine vierbeinige Fellratte einen großen Hund ankläfft, wird es oft als „süß“ bezeichnet.

Warum? Mein Hund mit 50 cm Schulterhöhe würde bei gleichem Verhalten als „gefährlich“ wahrgenommen werden. Große Hunde haben es sich gefallen zu lassen, von kleinen Hunden dumm angemacht und provoziert zu werden, weil die kleinen Hunde „süß“ sind. Ich frage mich oft, ob solche Kleinhundebesitzer es auch gut finden würden, wenn ein Kind ankommt sie mit einem Schwall Schimpfwörter begrüßt und ihnen vor das Schienbein tritt. Ist DAS auch „süß“ - oder heisst es dann „das ist unerzogen, wäre das meins, würde ich dem aber....“ ?