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Montag, 3. April 2023

Tierleid

so ziemlich immer, wenn ich irgendetwas von mehr oder minder militanten Veganern lese, deren Hauptanliegen es ist, andere bekehren zu wollen, lese ich das Wort „Tierleid“. Ich finde es wunderbar philosophisch – und im Endeffekt im Zusammenhang mit Tierhaltung in Deutschland eine ebenso bequeme Floskel wie „der gesunde Menschenverstand“. Warum? Tierleid impliziert, dass ein Tier tatsächlich leidet. Was ist nun aber „Leid“? Laut Wikipedia ist das Wort „Leid“ ein Sammelbegriff für all das, was einen Menschen körperlich und seelisch belastet.

Sicherlich gibt es auch Tiere, die leiden. Die einen Partner verloren haben, ihren „besten Kumpel“, die wild gefangen wurden und nun ihr Dasein in einem kleinen Käfig fristen müssen. Es gibt auch Landwirte, die ihre Tiere vernachlässigen oder denken, wenn sie ein krankes Tier mit Zuckerkugeln behandeln, tun sie ihm etwas Gutes. Die TierschutzNutztierverordnung sagt ganz klar aus, dass in der Nutztierhaltung kein Tier leiden soll. In sehr vielen Fällen funktioniert das auch richtig gut.

Es ist immer sehr einfach, auf Landwirte zu zeigen und „ihr Tierquäler!!!“ zu brüllen. Das würde man denen allerdings meistens nicht direkt ins Gesicht sagen – da eignet sich Social Media oder irgendwelche NGO´s, die damit Geld generieren, viel besser für, das ist so hübsch anonym (das war jetzt sarkastisch gemeint). Wenn man Haltungsbedingungen von Tieren anprangert, wo man oft nicht einmal genau weiß, was deren tatsächlichen Bedürfnisse sind und wie sie wirklich gehalten werden – wie sieht es denn so bei den Haustieren aus?

Nur Plastik im Blick und unpassende Einstreu.

Es gibt Tiere, die angeschafft wurden und wo man sich vorher nicht so wirklich damit beschäftigt hat, was die Voraussetzungen für die Haltung sind. Das passiert sogar ziemlich häufig. Oder so „hippe“ Tiere, die alle „voll süüüüß“ finden, weil sie dem Kindchen-Schema entsprechen, aber letztlich nichts anderes als Qualzuchten sind, wie Hunde mit platten Nasen, die vor sich hin röcheln. Das ist bei „Frenchies“ also bei Französischen Bulldoggen oft der Fall oder bei Möpsen. Hervorquellende Kulleraugen werden ebenfalls mit „niedlich“ assoziiert, sorgen aber für diverse Probleme. Sehr kleine Hunde, so genannte „Teacup-Hunde“ haben zum Teil papierdünne Knochen, der beliebte „Merle-Effekt“ in der Fellfarbe ist ein Gendefekt, der schwere Nebenwirkungen haben kann. Meerschweinchen mit sehr langem Fell sehen zwar irgendwie eindrucksvoll auf ihren Showbildern aus – können ihr Fell aber nicht mehr selbst ausreichend pflegen, ebenso ergeht es Kaninchen. Laut Vet-Line werden Qualzuchten eher bei Hunden und Katzen diskutiert, kommen aber bei kleineren Säugetieren ebenso häufig vor, beliebt sind Züchtungen mit viel zu kurzen Köpfen, die das Kindchenschema bedienen. (Lesenswerter Artikel!) https://www.vetline.de/kurzkoepfigkeit-beim-kaninchen



kurzköpfiges Kaninchen mit "Baby-Face", Qualzucht und "niedliches" Tierleid 


Nicht nur dass, schauen wir uns doch mal die Mindestgrößen von Gehegen an:

Meerschweinchen, mindestens zu zweit gehalten, bei zwei Tieren 2 Quadratmeter Grundfläche UND Freilauf. Kaninchen, auch mindestens zu zweit gehalten, bei zwei Tieren 6 Quadratmeter Grundfläche und ausreichend hoch, damit sie mit aufgestellten Ohren stehen können UND Freilauf. Hamster, 1 Quadratmeter Grundfläche, 70 cm hoch UND Freilauf. Ratten, mindestens zu zweit zu halten, mindestens 80 x 40 cm und mehrere Etagen hoch, UND mehrere Stunden Freilauf am Tag. Die Realität für viele Kaninchen und Meeries sieht aber eher so aus:





Die Verantwortung für diese Tiere wird oft Kindern überlassen. Denn die wollten ja die Tiere haben. Also sollen sich genau diejenigen, die selbst noch Fürsorge und Hilfe um im Leben klar zu kommen brauchen, bitte um ein lebendiges Wesen kümmern, dass ihnen nicht sagen kann, wie es ihm geht, was es braucht etc..

Vielen Menschen ist ein Tierarztbesuch auch zu teuer. Meerschweinchen und Co gibt es für wenig Geld in einer Zoohandlung, mitunter geschenkt über Kleinanzeigen. Warum dann im Ernstfall das Mehrfache davon für einen Tierarzt ausgeben? So denken SEHR viele Menschen mit Heimtieren. Insbesondere, wenn es die Tiere ihrer Kinder sind. So gibt es quer durch Deutschland sicherlich tausende und abertausende Tiere, die still leiden. Weil ihre Krallen zu lang sind, ihr Fell verfilzt, weil ihre Zähne so heftig Probleme machen, dass sie kaum noch etwas fressen können und so weiter und so fort.

Auf einem Bauernhof kommt der Tierarzt immer mal wieder. Bei einer Schlachtung kann mitunter auch festgestellt werden, ob das Tier massive Schmerzen erleiden musste, weil es z. B. eine Knochenveränderung hat. Man kann zurückverfolgen, wer das Tier hat so leiden lassen und vor allem: wer dafür verantwortlich war, ein nicht transportfähiges Tier auf einen Schlachttransporter zu stecken. Das ist in Ordnung und so etwas wird auch immer mal wieder angezeigt.

kurznasige Rassekatze. Auch das ist Qualzucht und selbstverständliches Tierleid


Aber das ganze Tierleid, das es quer durch Deutschland in Privathaushalten gibt, wo Tiere tatsächlich lange leiden müssen, das interessiert eher weniger. Da kommt keiner und würde solchen Leuten sagen: „Boah, IHR TIERQUÄLER! SAUEREI, IHR GEHÖRT ANGEZEIGT!“ und das dann durchziehen. Oder nur in seltenen Fällen. Denn das hat oft viel zwischenmenschliche Folgen. Denn: es kann das eigene Kind sein, dass ein Tiere in einem viel zu kleinen Käfig hat. Oder unbedingt einen „Frenchy“ wollte, oder ein Zwergkaninchen mit viel zu kurzem Kopf. Es kann die beste Freundin sein, der beste Freund, Onkel, Tanten, Arbeitskollegen. Mit denen will man es sich nicht verderben.

Junior und ich haben mal freudestrahlend (also die Mutter der Besitzerin hat das, die schon ewig keine Lust mehr auf die Tiere hatte) zwei Kaninchen gezeigt bekommen: „Guckt mal, die pfeifen wie Meerschweinchen! Voll lustig!“. Wir haben die Tiere, die auch in einem viel zu kleinen Käfig waren, mitgenommen. Und ja, die pfiffen, aber definitiv nicht wie Meerschweinchen. Eher wie kurz vor dem Ersticken. Das war dann auch der Fall. Einen Tag später waren wir in der Tierklinik, beide hatten Wasser in ihren Lungen und viel zu lange Nagezähne. Wir haben noch mit einem entwässernden Medikament versucht, zu retten, was zu retten ist, aber „Rosenrot“ musste ein paar Tage später eingeschläfert werden. „Schneeweißchen“ hat noch ein paar Monate länger gelebt. Aber das waren dann auch weit über 200 Euro Tierarztkosten für zwei geschenkte Kaninchen.

Auch bei uns wurden Tiere nicht immer "ideal" gehalten.  Aber wir haben uns bemüht, zu erfahren wie die Anforderungen sind und den Meeries auch viel Freilauf zu ermöglichen. Ich denke, mit am coolsten war die "Burg" vor dem Terrassenfenster. Die Meeries konnten uns am Esstisch beobachten und wir die Meeries im "Burghof" - und immer, wenn wir am Essen waren, fanden sich auch Meeries im Burghof zum Fressen ein. Getoppt wurde das später nur von der riesigen Platte in meinem Zimmer, die eine umlaufende Kante hatte, damit das Streu nicht runterfliegt. Damit waren die Meeries auf Tischhöhe und fanden es gar nicht mal so schlecht. Jeden Morgen haben sich Keks und Joey begrüßt, das andere Meerie hat von weiter weg zugeschaut. In einer Zoohandlung bin ich dann vor rund 30 Jahren auch mal auf "guck mal, der sitzt da so einsam!" einen Papageien reingefallen, der dann mit "der braucht nur diesen Käfig und ein paar Sonnenblumenkörner, hier, die Cites-Bescheinigung!" verkauft wurde. Und natürlich viel, viel mehr brauchte. Nachdem meine Tochter dann Pseudo-Krupp-Anfälle bekommen hat, habe ich ein bisschen länger gebraucht um für den Vogel ein tatsächlich fachkundiges und artgerechtes Zuhause zu finden. Eine Auffangstation vor allem auch für Papageien aus "der braucht nur..."-Tierhandlungen. 

Es ist völlig in Ordnung, kein Fleisch zu essen. Aber wer denkt, dass er damit „Tierleid“ verhindert, wenn ein Tier, das auf einem Betrieb unter ständiger Kontrolle aufwächst, bis es unter ruhigen Bedingungen zum Schlachthof gefahren wird, wo es dann auch erst einmal aufgestallt wird, bevor es dann mit einem Schuss oder einem Elektroschock schnell getötet wird, der liegt in den allermeisten Fällen einfach komplett falsch. „Ich möchte nicht, das für mein Essen ein Tier sterben muss!“ ist besser. https://www.youtube.com/watch?v=-82blrDg3w0 Hier habt ihr ein Video eines größeren Schlachtbetriebes, das zeigt, wie so eine Schlachtung abläuft. Es gibt in dieser Reihe noch ein paar mehr Videos zum Thema. Man muss es nicht gut finden, aber es hilft vielleicht, Dinge etwas differenzierter zu sehen.

Denn das tatsächliche Tierleid kann eben schon ein paar Meter weiter stattfinden – ist aber nicht so spektakulär wie Landwirtschaft. Es ist einfach, anzuprangern, was „weit weg“ ist – aber eben viel problematischer, zu sagen: „Oh, Mist, wir müssen jetzt den kleinen Kaninchenstall vom Fressnapf entsorgen, weil der viel, viel, viel zu klein ist!“ oder sich einzugestehen „Ach scheiße, ich habe voll Mist gebaut, das niedliche Tierchen ist eigentlich voll die Qualzucht!“ oder eben auch zu sagen: „Wir können jetzt ein paar Dinge nicht machen, weil unser Haustier zum Tierarzt muss und das kostet einfach sehr viel Geld!“. Gleiches gilt für Haustiere bei Familienmitgliedern, Freunden oder wem auch immer. Wer dort wegschaut, hat moralisch nicht das Recht, pauschal diejenigen anzuprangern, deren Tiere und Tierhaltung weit öfters kontrolliert wird als Haustierhaltung.

Meine Meinung.




Bilder: Pixabay















Freitag, 23. Dezember 2022

Massentierhaltung und Tierschutz / Teil 3, in dem ich Demeter hinterfrage

 Teil 3 beschäftigt sich mit dem letzten Absatz über Massentierhaltung, der in dem Studienheft ist. Darum geht es um die Behauptung, dass wer ein hohes Maß an artgerechter Tierhaltung möchte, der sollte beim Einkauf von tierischen Produkten auf Gütesiegel achten. Im Normalfall wären das auch Biosiegel und Demeter sowie Naturland hätten die strengsten Richtlinien.

Mittlerweile gibt es eine ganze Menge von „Gütesiegeln“ und für den Verbraucher wird es langsam unübersichtlich, welche Vorgaben nun eigentlich was bedeuten. Grundsätzlich bedeutet es für einen landwirtschaftlichen Betrieb aber immer auch einen zusätzlichen Kostenfaktor, einem speziellen Verband anzugehören und das sind nicht unerhebliche Summen.

Wer blindlings glaubt, das Demeter das strengste und beste Siegel ist und sich nicht mit dem Verband und seinen Vorgaben beschäftigt, der übersieht dann, dass die Heilbehandlung von Tieren auf Demeter-Höfen in vielen Fällen durch wirkungslose Globuli besteht. Fakt ist: erkrankt ein Demeter-Nutztier, darf es in vielen Fällen im Vergleich zu Tieren aus anderen Haltungsformen weiter Schmerzen erleiden, weil es homöopathisch behandelt wird. (Quelle: https://www.demeter.de/biodynamisch/tierhaltung/gesundheit). Wenn Ärzte und Wissenschaftler in der Humanmedizin zu Hauf bestätigen, dass „Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirkt“ (Quelle: https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/homoeopathie-wissenschaftlich-nicht-nachvollziehbar/) und selbst die DHU (Deutsche Homöo(Qupathische Union) nie konkret eine Antwort darauf gibt, welche wissenschaftlichen Studien die Wirkung von Globulis denn bestätigen (Quelle: swr-Doku „Homöopathie, Heilung oder Humbug? https://www.youtube.com/watch?v=NrhpKNebaKo)– wie soll dann ausgerechnet ein Tier auf so etwas wie ein Placeboeffekt hereinfallen, wenn es weder weiß, was es bekommt, noch versteht, warum es etwas bekommt?

Ganz konkret bedeutet es, dass ein Tier, das von einem Demeter-Landwirten aus dessen Glauben an die Wirkung von Homöopathie Globulis z. B. gegen Schmerzen bekommt, weiterhin diese Schmerzen erleiden muss und die sich ggf. sogar noch verschlimmern, weil irgendwer an nicht bewiesene Heilkräfte von Zucker bei Tieren glaubt. Ist das dieses „Artgerecht“ oder „Tierwohl“?

Ebenso wird gerne übersehen, das in den Vorgaben des Demeterverbundes auch steht, mit was gedüngt werden darf. Unter anderem mit dem Schwermetall Kupfersulfat oder Zink. Das setzt kein anderer Landwirt noch ein, weil es Bodengifte sind und sich in den Pflanzen anreichert. Demeter schwört darauf. (Quelle: Demeter Betriebsmittelliste 2021).

Geradezu harmlos sind da noch die verbuddelten „Kacke-Hörnchen“ die kosmische Kräfte aufsammeln sollen (Quelle: Demeter, Biodynamische Präperate). Letzteres ist Glaubenssache, aber auf konventionelle Landwirte schimpfen und selbst mit Schwermetallen düngen, die den Boden vergiften, Bodenleben abtöten und sich in Lebens- und Futtermitteln anreichern? (Quelle: https://www.welt.de/wissenschaft/article3228140/Biobauern-spritzen-Schwermetalle.html)

Der Ertrag von Demeter-Höfen ist 25 % dessen, was ein vergleichbarer konventioneller Hof an Lebensmitteln erwirtschaften kann. Andere Biohöfe die rein biologisch wirtschaften, stehen nicht viel besser da. Was für fatale Auswirkungen es haben kann, wenn es überall nur noch biologische Landwirtschaft gibt, sieht man derzeit an Sri Lanka (Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/sri-lanka-verfehlte-oeko-wende-verschaerft-die-krise-im-land-17970410.html).


Mittlerweile kenne ich einige Höfe, die für keinen Verband mehr arbeiten, weil es einfach so exorbitant viel Geld kostet. Andere haben deshalb von vorneherein gesagt: Lohnt sich nicht. Wir arbeiten ohnehin mit "so viel Chemie wie nötig, so wenig wie möglich!" - das ist voll in Ordnung. Im Hinterkopf sollte man auch immer behalten, dass wir in Deutschland rund 83 000 000 - also Dreiundachtzig Millionen - Einwohner haben. Das bedeutet, dass wir für jeden ausreichend Nahrung brauchen - es sich aber viel einfacher in kleineren Mengen vorstellen lässt. Wenn es rund 6 % Veganer im Land gibt, dann ist es für diese Gruppe total leicht, sich vorzustellen, wie einfach es doch ist, wenn jeder Mensch auf Fleisch verzichten würde, die gucken sich in ihren Kreisen um, in ihren Familien - und wenn man "alles in bio" auf nur wenige hundert Menschen bezieht, ist es nun einmal einfach. Aber für Millionen ist das eine unfassbare Menge an Lebensmitteln, die jeden Tag benötigt werden. 

Donnerstag, 22. Dezember 2022

Massentierhaltung und Tierschutz / Teil 2

 Weiter geht es mit meiner Antwort auf die Aufgabe, "Probleme der Massentierhaltung aus Tierschutzsicht zu beleuchten":


Müssen bei Geflügelpestverdacht im Stall bleiben: Freilandhühner des Familienbetrieb Meiners,
Spannharrenstätte. Die haben übrigens eine riesige Außenfläche mit Windkraftanlage, altem Baumbestand und darin lebenden Greifvögeln!

Dann ging es um die Käfighaltung oder ausschließlicher Stallhaltung und es wurde kritisiert, dass die natürlichen Bedürfnisse der Tiere nicht in ausreichendem Maße befriedigt ewrden können und dass es dadurch schnell zu gesundheitlichen Problemen kommt. Ebenso wurde aufgezählt, was Tiere aus nicht artgerechter Haltung als Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes dann aufweisen: lückiges Gefieder oder Fell, schlechter Gesundheitszustand, Magerkeit oder Fettleibigkeit und aggressives Verhalten.

Käfighaltung von Hennen ist EU-weit seit 2012 verboten. Die artgerechten Bedürfnisse der Nutztiere werden von Fachleuten festgelegt und sind auch mit den entsprechenden Stallgrößen, dem Stallklima, Einstreu, Hygiene, Beleuchtung, Mindestfenstergröße etc. Vorgeschrieben. Dazu findet man zu jeder Nutztierrasse etwas in der TierSchNutztV. Je nach nachdem, ob der Betrieb einem Verband angehört, sind auch vom entsprechenden Verband aus Stallgrößen, Tierzahlen etc. geregelt und werden regelmäßig (für viel Geld) überprüft.

Ein Betrieb mit Tieren, wie oben beschrieben, arbeitet eindeutig tierschutzwidrig, wobei auch hier völlig egal ist, ob es ein Nutztierbetrieb mit tausenden von Tieren ist oder ein kleiner Hof. Da auf großen Höfen der Großvieh-Tierarzt öfters kommt, allein schon wegen der Vorsorge und der Seuchengefahr, fallen kleinere Betriebe da sogar viel eher durchs Raster.

Bestes Beispiel ist die „Geflügelpest“. Hier in der Gegend sind regelmäßig Beobachtungsgebiete mit Schildern an den Straßen ausgewiesen.

Erkrankt ein Tier auf einem Großbetrieb daran, weil zum Beispiel ein kleiner Wildvogel sich in den Stall mit den Legehühnern verirrt hat, der das Virus in sich trägt, wird der komplette Bestand gekeult. Ob nun alle Tiere erkrankt sind oder nur ein paar spielt keine Rolle. Dann rollen die LKW´s von der Tiermehlfabrik an und Mitarbeiter in Vollschutz töten alle Tiere. Das geht bei tausenden von Tieren am effektivsten in einem Wasserbad, das unter Strom gesetzt wird.

Der komplette Stall muss geräumt, gründlich desinfiziert werden und bis der ehemalige Bestand wieder erreicht ist, fehlen Einnahmen, die durch die Tierseuchenkasse nur zum Teil ersetzt werden. Die laufenden Kosten bleiben aber und summieren sich durch die notwendigen Maßnahmen noch weiter. Vor einigen Monaten hat es ausgerechnet den Betrieb erwischt, der „Tierwohl-Puten“ hält und von dem wir schon Fleisch direkt bezogen haben. Im Amtsblatt sieht das dann so aus: https://www.lkclp.de/lib/files/4b5w26djmmxwc7tAnfrwyzjpg3yt2l62n8rxk6lfnz5hglzrgy6d3mzvh2yt4my/amtsblatt_060_2022_09_28.pdf

Ist es nicht geradezu logisch, welcher Nutztierhalter extrem darauf achtet, dass seine Tiere gesund bleiben und er sich sehr darum kümmert, alle Vorgaben zu erfüllen? Denn die Meldepflicht eines Seuchenverdachtes umfasst laut Tiergesundheitsgesetz so ziemlich jeden, der irgendwie mit den Tieren zu tun hat. Vom Inhaber über Mitarbeiter, vom LKW-Fahrer – egal ob für Futtermittel oder Schlachtbetrieb, bis zum Schlachthof. Sogar Naturpfleger haben einen Seuchenverdacht zu melden, wenn sie im Rahmen ihrer Arbeit ein verdächtiges Tier finden. (TierGesG § 4 (2)). D. h. Ich bin zwar keine Naturpflegerin, aber verendete Vögel „die mir komisch vorkommen“ und die nicht durch LKW`s durch Luftwirbel getötet wurden, melde ich der unteren Naturschutzbehörde vom Landkreis. Die kümmern sich dann darum. Gleiches würde ich auch mit Wildschweinen machen.

Wie es den Hühnern aus Nachbars Garten geht, ob die trotz Stallpflicht artgerecht gehalten werden oder verhaltensauffällig werden wird nicht kontrolliert. Oder eben nur, wenn jemand ihn konkret anzeigt.

Es ist aus Tierschutzgründen oft gar nicht möglich, Nutztieren wie Geflügel oder Schweinen Freilandhaltung zu bieten, da bei drohender Geflügelpest das Geflügel im Stall bleiben muss. und der hat so dicht abzuschließen, dass sich kein Wildvogel darin verirren kann. Deshalb haben viele Betriebe schon „Verandas“ gebaut, wo die Tiere in einem kleineren Außenbereich sind, aber dichte Netze dafür sorgen, dass sie von Wildvögeln getrennt sind. (Darüber berichtet u. a. Familienbetrieb Ostermann auf seiner Facebookseite).

Freilandschweine müssen so gehalten werden, dass kein Wildschwein zu ihnen Kontakt aufnehmen kann. Wildschweine sind durchaus in der Lage, über 90 cm hohe Zäune zu springen, wie Beobachtungen sowohl in Berliner Vororten als auch an der Grenze zwischen Polen und Deutschland in Brandenburg gezeigt haben. In Brandenburg gab es deshalb die Forderung nach zwei Zäunen mit einem Sicherheitsabstand um die Weiden für Freilandschweine. Grundsätzlich sind Schweinehalter aufgefordert, alles, was mit ihrer Schweinehaltung zu tun hat, gut und wildschweinsicher einzuzäunen und ein hohes Maß an Hygiene einzuhalten. Quelle: https://www.lwk-niedersachsen.de/lwk/news/36475_ASP_vor_den_Toren_%E2%80%93_Informationen_zur_Biosicherheit

Auch hier zitiere ich noch einmal das TierGesG § 3 „Wer Vieh oder Fisch hält, hat zur Vorbeugung von Tierseuchen und zu deren Bekämpfung 1. Dafür zu sorgen, dass weder Tierseuchen in seinen Bestand eingeschleppt noch aus seinem Bestand verschleppt werden...“.


Das war der 2. Streich und der 3. folgt... 

Was aber durchaus schon ersichtlich ist, dass es grundsätzlich bei Tierhaltung - und das völlig egal ob privat, auf einem kleinen Hof oder in einer Intensivtierhaltung - nicht immer einfach ist, wenn man sagt: "Verstößt gegen den Tierschutz!". Also zumindest dann nicht, wenn man es TATSÄCHLICH sachlich und fundiert und nicht emotional-unsachlich und diktatorisch diskutieren möchte. Auf Twitter habe ich mir einen fundamentalistischen Veganer "eingetreten", der gerne darüber lamentiert, wie schlimm Nutztierhaltung in Deutschland doch ist, alles Tierquäler. Aber seinen Hund, der nun einmal ein Carnivore ist und zu dessen artgerechter Ernährung deshalb Fleisch gehört, ernährt er vegan. Ernährung ist sehr komplex. Selbstverständlich kann man sagen: ich ersetze tierisches Eiweiß durch pflanzliches Eiweiß - aber das tierische Eiweiß ist vielleicht genau deshalb da, weil es ein bisschen ANDERS wirkt als pflanzliches Eiweiß und dem Körper deshalb Dinge bieten kann, die er dringend benötigt, auf pflanzlicher oder chemischer Basis aber nicht zu bekommen sind. 

Damit verstößt er selbst gegen das Tierschutzgesetz, indem er die ARTGERECHTE Ernährung seines Tieres missachtet. Mittlerweile gibt es auch eine Studie über die vegane Ernährung von Hunden - und die besagt ganz klar, dass Hunde, deren Futter einen hohen Anteil von Hülsenfrüchten etc. beinhaltet, viel häufiger Herzprobleme bekommen. Denn das Herz vergrößert sich, aber der Durchfluss vom Blut verringert sich. Das ist für den Hund nicht lustig, denn er wird über kurz oder lang massiv in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Meistens fällt er irgendwann tot um, zum Beispiel wenn das Wetter sehr warm ist - oder wenn man gnädig ist, lässt man ihn einschläfern. 

Ich bin sicher, dieser Veganer wird es weit, weit von sich weisen, dass er seinen Hund nicht artgerecht und gut hält. Dass er sein Tier liebt und ganz bestimmt nicht gegen den Tierschutz verstößt und viele Argumente finden, warum man ihm glauben muss, das ER alles RICHTIG macht, aber ANDERE grundsätzlich alles falsch machen und nur lügen, wenn sie sagen, dass es nicht stimmt, dass ihre Tiere schlecht behandelt werden. 

Deshalb ist es eben ganz gut, wenn man als Grundlage Tierschutzgesetze und entsprechende Leitlinien zur Umsetzung hat. 




Massentierhaltung und Tierschutz / Teil 1

Im letzten Blogbeitrag habe ich ja gepostet, wie ich die Aufgabe, zu erklären, wie sich in Deutschland die Massentierhaltung entwickelt hat, beantwortet habe. Ab hier poste ich einen größeren Teil meiner Antwort zur Aufgabe:  "Erörtern Sie die Probleme bei der Massentierhaltung unter Tierschutzgesichtspunkten!". Das habe ich sehr gerne getan ;-) . Da meine Antwort epische Ausmaße hatte, habe ich sie für den Blog etwas verkürzt und teile sie in mehrere Beiträge auf.

Grundsätzlich muss erst einmal klar gestellt werden, wer bestimmt, was eigentlich Tierschutz ist! Deutschland hat ziemlich strenge Tierschutzgesetze, die durch Verordnungen, Leitlinien etc. in den verschiedensten Bereichen ergänzt werden. Diese beziehen sich auf die tatsächlichen Bedürfnisse einer Tierart und wurden von ausgebildeten und studierten Fachleuten erstellt.

Um „Probleme bei der Massentierhaltung“ aus Tierschutzsicht zu erörtern sind daher als Grundlagen

a) das Tierschutzgesetz (TierSchG), das gibt es seit 1972,

die letzte Änderung war 2021

www.gesetze-im-internet.de/tierschg/TierSchG.pdf


b) die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV),

diese gibt es seit 2001, letzte Änderung war 2021

www:gesetze-im-internet.de/tierschnutztv/BJNR275800001.html

c) die Tierschutztransportverordnung (TierSchTrV), die es seit 2006 gibt,

    letzte Änderung 2015.

    www.gesetze-im-internet.de/tierschtrv_2009/BJNR037500009.html

d) Tiergesundheitsgesetz (TierGesG) von 2013, letzte Änderung 2021

www.gesetze-im-internet.de/tiergesg/BJNR132400013.html

e) die Tierschutzleitlinien des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz LAVES

(die gibt es für jede Nutztierrasse) folgend „LAVES-Leitlinie“ www.laves.niedersachsen.de/startseite/tiere/tierschutz/tierhaltung/rinder/tierschutzleitlinie-fuer-die-mastrinderhaltung-162378.html

zugrunde zu legen.

Ich habe alle im Lernheft aufgeführten Argumente warum die Massentierhaltung schlecht ist, also auf Grundlage der Tierschutzgesetze und gültigen Leitlinien überprüft.

Ebenso wird ein bisschen mehr „Drumherum“ erklärt, damit es nachvollziehbarer ist.

Als Erstes wurde kritisiert, dass zu viele Tiere auf zu kleiner Fläche für die Tiere eine Belastung sein kann.

Natürlich kann es immer mal vorkommen, dass einzelne Tiere ein Problem in ihrer Gruppe haben und mehr Individualabstand oder Beschäftigung benötigen – oder eben separiert werden müssen, wenn gar nichts anderes hilft. Allerdings hat sich in der Stallhaltung und Nutztierforschung mittlerweile eine ganze Menge geändert, was auch in die Tierschutzgesetze eingeflossen ist. So ist eine Käfighaltung, wie sie früher üblich war, schon seit 2012 EU-weit verboten. Nutztiere sollen in einer für sie angenehmen Atmosphäre ohne Dauerstress leben (§ 3.2, § 4.8 TierSchNutztV).

Da die oben genannte Tierschutzleitlinie die Gesetzestexte sehr gut interpretiert, zitiere ich die Vorgaben daraus: „Belastungssituationen und Stressfaktoren, die zu einer Erkrankung führen, müssen vom Tierhalter erkannt und umgehend beseitigt werden...“ (LAVES-Leitlinie, Seite 9)

Es ist also entgegen der Darstellung im Heft kein spezifisches Problem der Massentierhaltung.

Dann wurde behauptet, dass viel Überwachung der Tiere durch Tierärzte  ein großer Aufwand wäre. Es würden schon im Vorfeld Medikamente gegeben, die später aufgrund von Resistenzen wirkungslos wären. Ebenso wurde erklärt, dass gestresste Tiere sich selbst oder ihre Artgenossen zu verletzen, wie Federn ausreißen oder Schwänze abbeißen.

Satz 1: „Viel Überwachung durch Tierärzte ist ein großerAufwand“. Ich weiß ja nicht, woher die Autorin ihre Informationen bezieht, aber zum Einen ist laut TierSchNutztV die gesundheitliche Überwachung der Tiere wie folgt geregelt (die LAVES-Leitlinie hat den § 4.2 ff auf Seite 13 gut erklärt) Zitat: „Das Befinden der Tiere muss bei Stallhaltung mindestens zweimal täglich durch direkte Inaugenscheinnahme, die Funktionsfähigkeit der technischen Einrichtung mindestens einmal täglich überprüft werden. Soweit notwendig ist eine Behandlung kranker Tiere einzuleiten und eine Absonderung in geeignete Haltungseinrichtungen mit trockener und weicher Einstreu oder Unterlage vorzunehmen. Sind die Sofortmaßnahmen wirkungslos ist umgehend ein Tierarzt hinzuzuziehen.“

Die „Initiative Tierwohl“ fordert in ihrem Kriterienkatalog sogar eine intensivere tierärztliche Betreuung der Tiere eines teilnehmenden Betriebes! Quelle: https://initiative-tierwohl.de/tierhalter/rindermaester/

Das gilt grundsätzlich für jede Betriebsform, ob kleiner Stall oder Intensivhaltung Es ist also völlig unerheblich, wie viele Tiere ein Landwirt hat, auch bei einem kleineren Betrieb müssen die Tiere angemessen kontrolliert und bei Bedarf tierärztlich versorgt werden. Das ist praktizierter Tierschutz und kein „Problem der Massentierhaltung“. 

Satz 2 Es würden schon im Vorfeld Medikamente gegeben, die später aufgrund von Resistenzen wirkungslos wären.

Hier die tatsächlichen Fakten (erneut aus der LAVES-Leitlinie, Seite 9) Zitat: „Jeder, der ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, ist verpflichtet, es angemessen zu pflegen (§ 2.1 TierSchG). Dazu zählen neben der Heilbehandlung im Krankheitsfall auch die Gesundheitsvorsorge einschließlich der Bekämpfung von Endo- (Innen-) und Ektoparasiten (Außenparasiten) sowie Hautpilzen und erforderlichenfalls die Impfung der Tiere.“

Das Tiergesundheitsgesetz schreibt dazu unter § 3: „Wer Vieh oder Fisch hält, hat zur Vorbeugung von Tierseuchen und zu deren Bekämpfung 1. Dafür zu sorgen, dass weder Tierseuchen in seinen Bestand eingeschleppt noch aus seinem Bestand verschleppt werden...“.

Das heißt, dass den Tieren nur die tatsächlich erforderlichen Medikamente gegeben werden, denn – LAVES-Leitlinie, Seite 10, Zitat: „Zur Pflege der Tiere gehört neben der Heilbehandlung im Krankheitsfall auch die Gesundheitsvorsorge...“ .

Ebenso weise ich gerne auf die Tatsache hin, dass, Zitat: „Routinemäßiger bzw. systematischer Einsatz von Medikamenten, die schlechte Hygienebedingungen oder Managementfehler kompensieren oder auch Anzeichen von Schmerzen und Leiden verschleiern soll, ist unzulässig. Grundsätzlich sind vorsorgliche Impfungen einer späteren Behandlung vorzuziehen.“ (LAVES-Leitlinie, Seite 13).

Antibiotikaresistente Erreger kommen selbstverständlich vor. Aber laut RKI „Grundwissen Antibiotikaresistenz“ sorgt jeder Einsatz von Antibiotika dafür, dass sich Resistenzen bilden. Also auch Kliniken selbst oder Ärzte, die bei Virenerkrankungen wirkungslose Antibiotika verschreiben.

Laut Ärzteblatt verlassen 80 % der Patienten, die wegen einer Erkältung zum Arzt gehen, mit einem Rezept für Antibiotika die Praxis, obwohl ihre Erkrankung auf einen Virusinfekt beruht. (https://www.aerzteblatt.de/archiv/18083/Therapieentscheidung-wider-besseres-Wissen-Warum-Aerzte-gegen-Viren-mit-Antibiotika-vorgehen).

Polemisch erklärt: „Horst-Hugo und Luise-Chantalle lästern zwar gerne über ihre „Antibiotika-Schnitzel“ und das „Antibiotika-Hühnchen“, holen sich aber jedes Jahr bei einer Erkältung brav die Rezepte für Antibiotika vom Arzt“. Ähnlich bei Krebspatienten, die bekommen vorbeugend Antibiotika in letztlich unglaublicher Menge. Mein Sohn hat zwei Krebserkrankungen mitgemacht und in deren Verlauf geschätzt mindestens einen Liter Antibiotika wie „Cotrim“ genommen. Noch eine Woche vor seinem Tod hat er über mehrere Tage eine Antibiose bekommen, um Entzündungswerte und Lebensqualität zu bessern.

Selbstverständlich wird aber Landwirten die Schuld in die Schuhe geschoben, die das nicht vorsorglich geben dürfen und die jede Medikamentengabe im Bestandsbuch zu dokumentieren haben, so dass bei jedem einzelnen Tier, das eindeutig durch die Nummer seiner Ohrmarke zu identifizieren ist, genau geschaut werden kann, welche Medikamente es bekommen hat und ob ggf. Sperrfristen einzuhalten sind, in denen die Milch nicht verwendet werden oder in der es nicht geschlachtet werden darf. (TierSChNutztV § 4 (2) )

Entsprechend ist Gesundheitsmanagement und bei Bedarf tierärztlicher Einsatz kein Problem – egal bei welcher Form der Tierhaltung, sondern ebenfalls praktizierter Tierschutz und die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben im Tierschutz.

Würde zum Beispiel die Behandlung gegen Parasiten ausbleiben, könnte ein Befall bei Schweinen einen so massiven Juckreiz und so hohes Stresslevel erzeugen, dass sie sich die Schwänze wundscheuern und anfangen, sich zu beißen. Also genau das machen, was gleich nach „es werden vorsorglich Medikamente gegeben“ angeprangert wurde.  Schnabelpicken kommt in den heutigen großen Hühnerställen deutlich weniger vor, weil das Stresspotential durch die Käfighaltung kaum noch vorhanden ist.  


Soweit erst einmal Teil 1, wem es jetzt in den Fingern juckt, mit "JA ABER..." zu kommentieren: warte einfach mal die nächsten Teile ab, da wird noch ein bisschen mehr erklärt.


Sonntag, 18. Dezember 2022

Wie die Massentierhaltung in Deutschland entstanden ist

Ich lerne jetzt "Natur- und Umweltpädagogik". Als Fernstudium. Denn ich würde gerne mit dem, was Nick und mein Leben zum Teil ausgemacht hat, weitermachen. Statt Nick etwas zu dem Thema beizubringen, aber dann damit, anderen Kindern etwas beizubringen. Da gibt es Studienhefte, die arbeitet man durch und am Schluss hat man eine "Einsendeaufgabe", vergleichbar mit einer Klassenarbeit. Verschiedene Fragen, die beantwortet werden müssen. Im ersten Studienheft ging es recht kurz um Massentierhaltung und in der Einsendeaufgabe sollte man dann a) erklären, warum es zur Massentierhaltung gekommen ist und b) die Probleme bei der Massentierhaltung aus Tierschutzsicht beleuchten. Da meine Antworten etwas ausführlicher geworden sind und ich viel, viel Spaß dabei hatte, sie zu schreiben, hier nur die Blogversion davon:

Um die Punkte a) und b) zu klären, bedarf es zunächst einmal einer genaueren Definition des Begriffes „Massentierhaltung“. Der Begriff wurde 1975 „amtlich“ als er in eine Massentierhaltungsseuchenverordnung eingearbeitet wurde (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Massentierhaltung) und wird heute als Synonym für Intensivtierhaltung verwendet. Es bedeutet, dass viele Tiere auf verhältnismäßig begrenztem Raum gehalten werden.

Für Verbraucher beginnt Massentierhaltung bei 500 Rindern, 5000 Tieren Geflügel und 1000 Schweinen. (Quelle: wir-sind-tierarzt.de)





Die Zahl der Menschen, die ein Landwirt ernährt, haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Ernährte ein Landwirt, also ein Betrieb, 1970 noch 27 Menschen, hat sich diese Zahl durch das Sterben der kleineren Höfe drastisch verändert.

In einer Tabelle habe ich mit Daten des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung sowie dem statistischen Bundesamt/destasis die Entwicklung von Bevölkerung, Zahl der pro Landwirt ernährten Menschen und soweit zu finden, die Zahl der tierhaltenden Betriebe geordnet:


Jahr

Bevölkerung in Deutschland

Ernährte pro Betrieb

Anzahl Nutztierbetriebe



1970


77.709 Mio


27




1980

78.275 Mio

47



1990

79.365 Mio

69



2000

82.188 Mio

127

391 500**


2010

81.752 Mio

124

216 100


2020

83.160 Mio

139 / 150*

168 000



*die Zahl der ernährten Personen, wenn man Importfuttermittel mit einrechnet

** Zahl der Geflügelbetriebe wurde von genesis-destasis nicht erfasst

Allein die Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten zeigt ein massives Höfesterben an. Die freiwerdenden Flächen werden dabei von anderen landwirtschaftlichen Betrieben übernommen (sofern sie nicht zu Baugebieten oder Naturschutzflächen ohne größeren landwirtschaftlichen Nutzen werden). Flächenübernahmen bedeuten für landwirtschaftliche Betriebe, dass sie sich vergrößern und ihren Tierbestand aufstocken. Denn auch wenn ein Betrieb mit Nutztierhaltung aufgibt und die Zahl der Nutztiere seit Jahrzehnten zurückgeht, bleibt immer noch ein hoher Fleischbedarf zu günstigen Erzeugerpreisen.

Damit wird die Versorgung der Bevölkerung gesichert, die durch Zunahme an Personenzahl, Veränderung der Wohn- und Lebensformen, dem mangelnden Platz (Zeit, Interesse) sich nicht selbst versorgen könnte. Dabei ist auch zu beachten, dass Tiere auch die Dinge fressen, die für Menschen eher „nicht so lecker“ sind und/oder die der menschliche Körper nicht verwerten kann. So bekommen Tiere auch Erntereste, Trester, Gras und so weiter – das würden viele Menschen nicht essen. Wenn Nutztiere solche für Menschen ungenießbaren und unverwertbaren Pflanzen / Pflanzenbestandteile fressen, nennt man das oft „veredeln“. Denn dadurch, dass Tiere den Kram fressen, verwerten und Fleisch ansetzen, haben wir Menschen letztlich etwas, dass unser eigener Körper verwerten kann – nämlich Fleisch, Eier und Milchprodukte – oder auch Fisch aus den vielen Fischzuchten hier in Deutschland.

Etwa 1970 war die Region in der ich lebe (Landkreis Cloppenburg/ Emsland/Ostfriesland; Nordwest-Niedersachsen) das „Armenhaus Deutschlands“. Es gab kleine Bauernhöfe und weite Flächen mit Wald und Moor, die nicht unbedingt zur Viehhaltung taugten. Insbesondere durch das relativ nahe Ruhrgebiet mit seinen ganzen Zechen und der Montanindustrie änderte sich die Region hier binnen weniger Jahrzehnte, denn die „Kumpel aus dem Pott“ leisteten Schwerstarbeit und brauchten entsprechend Nahrung, die alleine im Ruhrgebiet nicht anzubauen war.

Hier gab es diese Flächen und so wurde dafür gesorgt, dass aus dem ehemaligen Armenhaus der Republik dann eine ertragreiche Kulturlandschaft wurde. Höfe wurden nach und nach zu Großbetrieben, die mehr und mehr sicherstellen konnten, dass der „Sonntagsbraten“ bei dem „Vattern das größte Stück“ bekam die tägliche Wurstschnitte, die tägliche Bratwurst, das jederzeit in ausreichender Menge verfügbare Schnitzel wurde. Aus der Grundernährung durch Kohl, Kartoffeln und Rüben sowie Karnickeln aus dem eigenen Stall, für die Kinder Gras und Löwenzahn sammelten (siehe auch „Tante Linas Kriegskochbuch“) wurde das Motto „Fleisch ist mein Gemüse“, das nach dem Motto „der Kunde ist König“ immer und überall im Überfluss zu haben sein muss.

Dazu kam, dass man sich von der Vollverwertung eines Tieres immer mehr auf die „guten Stücke“ verlagerte. Dadurch wurde in zunehmendem Maße nur noch wenig Fleisch eines einzelnen Tieres verwendet, was ebenfalls einen Anstieg der Masttiere zur Folge hatte. Schließlich wollte ja jeder „das gute Fleisch“ und kaum noch einer so etwas wie Pansen, Kutteln, Nieren, Ochsenschwanz, Saumagen, Euter, Hirn, Zunge und so weiter. Bis zum Auftreten der Schweinepest wurden erhebliche Mengen von den Sachen, die deutsche Verbraucher nicht verwenden nach China exportiert. Mit Auftreten der Schweinepest gab es einen Exportstopp, China baut seitdem Massenställe in Hochhausmanier, um selbst Schweine zu produzieren. (Quelle: https://www.topagrar.com/schwein/news/neue-26-stoeckige-schweinehochhaeuser-in-china-13190792.html

der Film dazu: https://www.youtube.com/watch?v=vTEyYDayp5w) Ein anderer Abnehmer für hier unerwünschte Schlachtteile ist z. B. Indonesien.

So entstand die Massentierhaltung in Deutschland – was sich dabei für die Tiere überwiegend sehr positiv verändert hat, wird im zweiten Teil erklärt


Der kommt etwas später, wird sicherlich noch mal aufgeteilt, weil er wirklich sehr lang geworden ist - aber verraten kann ich schon, dass ich für meine Einsendeaufgabe 100 von 100 Punkten und damit die Note 1 bekommen habe. Das finde ich total klasse, weil ich erst unsicher war, ob ich mit dem Studium überhaupt klar komme. Ich werde nicht immer 100 Punkte bekommen, auch wenn ich mir viel Mühe gebe, aber für den Anfang ist das schon sehr motivierend! 

Montag, 8. März 2021

Mit Herrn von Ribbeck auf dem Boden der Tatsachen

Eigentlich wollte Nick ja mehr über Landwirtschaft lernen, als er auf dem Bauernhof der WfbM gearbeitet hat. Sein Wunsch war es, irgendwann vielleicht auf einen regulären Betrieb wechseln zu können. Deshalb war klar, dass ich auch mit Nick Dinge lernen werde, die mit Landwirtschaft zu tun haben. Einiges muss ich dafür erst einmal selbst lernen. Wir haben also überlegt, was Nick an Grundlagen brauchen würde, um irgendwann eine Chance auf einem normalen Betrieb zu haben. Landwirtschaft ist ohne Boden nichts. Also Bodenkunde.


Schloss Ribbeck mit Uffwuff, dem Filzhund davor.
Uffwuff vor Schloss Ribbeck


Bei Besuchen in Naturparkhäusern und Museen gibt es oft große Tafeln vom Bodenhorizont der Gegend, die gut erklärt werden. Die alleine sind schnell langweilig, auch wenn sie aussehen wie moderne Kunst. Aber im Zusammenhang mit anderen Dingen helfen sie zu verstehen, warum unser Boden, unsere Erde, so wichtig ist. Um euch aufzuzeigen, wie schnell man etwas völlig falsch sehen kann, erkläre ich euch jetzt mal (m)eine Version von „von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum auf seinem Grabe stand“:


Viele von euch kennen die Geschichte von Herrn von Ribbeck, der den Kindern immer eine Birne gegeben hat. Wenn ihr das Gedicht irgendwo mit Bildern seht, dann seht ihr einen netten alten Herren in sauberen Kleidern, dralle Kinder und alles ist schön wie im Bilderbuch. Ich habe mich etwas mit der Kolonialisierung des Moores dort befasst und wie früher dort die Landwirtschaft war.


Und es war nicht diese Bilderbuchidylle, die man überall vorgesetzt bekommt. Ich mag Fontane nicht. Ich finde, in vielen Dingen wird er maßlos überschätzt, auch wenn er viel über das Leben in der Mark geschrieben hat – manches ist endloses, langweiliges Geschwafel vom einem Kerl, den man heute schlichtweg einen egoistischen und verantwortungslosen Blödmann nennen würde.


Zu den zwei Sachen, die er dann tatsächlich gut hinbekommen hat, gehört, dass er das Ribbeck-Gedicht bekannter gemacht hat. Als ich mich also mit der Kolonialisierung beschäftigt habe und wie damals die Landwirtschaft war, habe ich geschaut, wann der von Ribbeck gelebt hat. Und das eigentliche Drama – denn das war es – hinter der Geschichte von Herrn von Ribbeck und den Birnen gesehen. Das bewegt mich immer noch tief. Denn Herr von Ribbeck hat dafür gesorgt, das diese Kinder, die bettelarm waren und mit Sicherheit in elenden Verhältnissen gewohnt haben und eben NICHT Bilderbuchmäßig drauf waren, ein Stück Essen zum Überleben hatten. Wahrscheinlich oft das Einzige, was sie an dem Tag überhaupt zu Essen hatten.


Es war die „kleine Eiszeit“. Viele Pflanzen haben diese Eiszeit nicht überlebt – Ernten sind über Jahre ausgefallen und das, was geerntet werden konnte – und auf Moor ist nicht viel gewachsen – dass hatte z. B. bei Getreide ein ganz anderes Kornverhältnis als heute. Heute hat eine Ähre zum Beispiel 12 oder 18 Körner. Also aus einem Korn, das man säht, bekommt man über 10 neue Körner. Das ist gut. Das Getreide zu von Ribbecks Zeiten hatte aber ein ganz anderes Verhältnis. Das hatte oft nur 3 oder 4 Körner und die Flächen waren auch viel, viel kleiner. Man sagt, von Ribbecks Birne wäre die Melanchthon-Birne gewesen, weil diese Birnensorte mit als einzige die kleine Eiszeit überlebt hat.


Und mag sein, dass der junge von Ribbeck dann keine Birnen verteilt hat. Aber er hatte selbst nicht viel – und musste letztlich selbst sehen, wie er über die Runden kommt. In Krisenzeiten zeigen viele Menschen ihr wahres Gesicht. Sehen wir ja gerade an der Pandemie. Warum also wird ein Mensch, der selbst überleben will, als böse hingestellt, weil er das bisschen, was er selbst hat, nicht länger mit anderen teilt? Denn auch er war ja von der Hungersnot betroffen und das imposante „Schloss Ribbeck“, dass heute in Ribbeck steht, ist erst viel später gebaut worden. Vorher war es ein schlichteres, wenn auch größeres Bauernhaus. Das war damals zwar auch schon „mehr“ - aber eben „nur“ ein größerer Hof – und der Arbeitgeber für die Familien rundherum.


Das Leben auf dem Moor war früher sehr speziell, weil natürliche Moorgebiete sehr unwirtliche Gegenden sind. Das, was dort freiwillig wächst, reicht oft hinten und vorne nicht aus um Menschen zu ernähren. Deshalb musste man das Moor erst einmal urbar machen. Also Flächen roden, entwässern – und einen Boden schaffen, auf dem überhaupt erst Ackerbau betrieben werden kann. Die Siedler haben ihre Schafe tagsüber im Moor weiden lassen. Nachts wurden diese Schafe in die frisch eingestreuten Schafställe gesteckt. Wohl gemerkt: Die Ställe wurden frisch gestreut, aber eben so lange nicht ausgemistet, bis die Schafe kaum noch hinein konnten.


Dann hatte man in den Ställen letztlich ein Gemisch aus Schafsdung, Torf und was nicht alles zum Einstreuen genommen wurde – und DAS wurde dann als Erde ausgebracht, die so nährstoffreich war, dass man etwas anpflanzen konnte. Leben im Moor war früher unglaublich hart. Es gab ja noch nicht einmal wirklich gutes Wasser – denn Moorwasser ist einfach ein saures, braunes muffiges Wasser. Ich kenne noch Bauernhäuser, an denen es „Gänsewein“-Tanks gab. Große umgebaute Wasserboiler mit Filterschichten aus Kies, Sand und Kohle um das Wasser genießbar zu machen.


Meine Mutter hatte sich das Buch „Meine Kinder essen Torf“ gewünscht. Das hat sie 1962 oder so mal gelesen. Ich habe es in einem Antiquariat gefunden, gekauft, gelesen – und war einfach tief berührt. Denn auch das ist eine Beschreibung, wie früher gelebt wurde. Aber eben in Friesland. Bettelarm in den großen Torfabbaugebieten.

Samstag, 2. Mai 2020

Nick empfiehlt: Ziemlich kuhle Videos!



Seit Wochen ist Corona-Alarm. Seit Wochen ist der Hof für die Beschäftigten aus Neuruppin und Kyritz zu. Auch für Nick. Da Nick aber etwas über Landwirtschaft lernen möchte, macht er dies ohne auf dem Hof zu sein. Zusätzlich zu einigen Sachen, die wir lesen und besprechen werden oft Filme geschaut. Das ist sehr praktisch. Denn um durch einen Film etwas zu lernen, braucht man nicht viel lesen oder schreiben!

Nick und ich haben überlegt, dass wir für alle, die auch besser durch Filme lernen, ein paar Filme, die ihm besonders gut gefallen haben, verlinken. Fast alle Filme sind unter 10 Minuten. 



Ein Film über das Verhalten von Kühen auf der Weide:



Wie sehen, hören und riechen Rinder eigentlich? Das wird in diesen Filmen erklärt:


und in diesem:




Wer sich zu dem Thema auch etwas anhören möchte, kann sich den Podcast von Kuhverstand dazu anhören. Der geht etwa 20 Minuten:




Rinder sind Wiederkäuer. Sie haben eine besondere Verdauung. Die wird hier erklärt:




Wer immer schon mal wissen wollte, wie es in einer Kuh aussieht: 



Manchmal fressen Rinder Sachen, die sie nicht fressen dürften und das kann böse ausgehen. Ein ganz wichtiger Film dazu ist der hier: 




Ihr findet noch viel mehr gute Filme auf folgenden Kanälen:

BZL - Bundesinformationszentrum für Landwirtschaft
SVLFG (Sozialversicherungen Landwirtschaft, Forsten, Gärtnereien)
mykuhtube (Projekt der Landwirtschaftskammer Niedersachsen)

und von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen gibt es die tolle Reihe: Tier Haltung Verstehen:




Dienstag, 3. Dezember 2019

Nick bloggt: über Milch.


Letztens habe ich euch vom Käse machen geschrieben. An einem Tag haben über 50 Leute den Bericht gelesen! Das finde ich richtig toll. Heute geht es um die Milch.

Milch ist die erste Nahrung, die Menschen- und Säugetierbabys bekommen. Säugetiere sind zum Beispiel Kühe, Schafe, Hunde, Katzen oder Elefanten. In den Körpern von Menschen und diesen Tieren wird Milch mit Milchdrüsen gebildet, die in Brüsten, Zitzen, Eutern oder Gesäuge enden. Je nach Lebewesen. 


Für längere Zeit können Babys gar nichts Anderes zu sich nehmen. Sonst würden sie verhungern, da sie nicht ausreichend Nährstoffe bekommen bzw. schwer krank werden, weil sie etwas anderes noch nicht vertragen. Die Erstmilch (Colostrum) von Kühen enthält wichtige Immunstoffe (Abgekürzt IgF ) für das Kalb. Diese Milch landet nicht im normalen Milchtank für die Molkerei.

Neugeborene Kälber haben kein Immunsystem. Das bedeutet, sie haben keine gute Abwehr gegen Krankheiten und Infektionen. Sie bekommen ihre Abwehrstoffe durch die erst milch der Mutterkuh. Kälber müssen in den ersten 2-3 Stunden nach der Geburt 3 Liter dieser Biestmilch trinken um ein Immunsystem aufbauen zu können. Danach verlieren sie mehr und mehr die Eigenschaft, die wichtigen Immunstoffe aus der Milch aufnehmen zu können. Deshalb bleiben neugeborene Kälber in Milchviehbetrieben auch für 10-14 Tage alleine in einem Kälberiglu oder so. Sie können andere Kälber zwar sehen und riechen und hören und auch Kontakt aufnehmen, aber nicht direkt hin. Die Aufzucht von Kälbern bis zum 6. Monat ist in der Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung geregelt.


Da jede Herde ihren eigenen „Abwehrstoffemix“ hat, ist es sehr wichtig, dass Kälber die Biestmilch der Mutterkuh bekommen. Viele Höfe frieren auch Biestmilch ein, um sie bei Bedarf an Kälber zu verfüttern, wo die Mutterkuh nicht genügend Erstmilch produziert.

In Heilbrunn ist es anders. Wir haben keine Milchkühe, sondern Fleischrinder. Die Kälber laufen bei uns von Anfang an mit ihrer Mama. 




Die Gitter im Hintergrund begrenzen übrigens das "Kälberkinderzimmer". Das ist ein Bereich, wo zwar die Kälber rein können, aber die Kühe nicht. In Heilbrunn kann es übrigens passieren, dass die Leute morgens in den Stall kommen und so ein kleines Kalb dann durch den Stall marschiert und die Welt entdeckt, weil es durch die Gitter vorne passt.

Da Milch ein sehr umfangreiches Thema ist, haben wir mit den Grundlagen angefangen, es gab einen Lückentext, einige Fragen und zum Schluss wurde alles für den Blog passend umgetextet und Nick hat heute Fotos im Stall gemacht. Es gibt also noch einige Fortsetzungen zu dem Thema. 

Wusstet Ihr übrigens, dass Hamsterweibchen bis zu 18 (!!!!) Zitzen haben können? 


Freitag, 22. November 2019

Nick bloggt: Käse selbst machen

Ab und an werdet ihr hier nun Blogartikel von Nick finden. Nick arbeitet seit Sommer auf dem Bauernhof der Stephanus-Stiftung  in Heilbrunn. Da er noch viel rund um Landwirtschaft lernen möchte, bloggt er ab jetzt ab und zu über landwirtschaftliche Themen und Sachen, die damit zu tun haben. Denn dadurch lernt er eine ganze Menge. Nicht nur über die Themen, sondern er übt dabei auch lesen, Leseverständnis und schreiben. Wir hoffen, ihr lernt dann ab und zu auch noch etwas dazu!


Die Heumilchtankstelle in Gottberg


Wir haben angefangen, Käse selber zu machen.

Dafür brauchen wir:

Milch
Calciumchlorid
Me-Kultur (Milchsäurebakterien)
Lab
Salz Jodfrei


Zum Käsen benutzen wir zwei verschiedene Milchsorten:





H-Milch, länger haltbare Frischmilch (ESL-Milch) und homogenisierte Milch lassen sich nicht zu Käse verarbeiten.
Der Milchautomat. Man kann eigene Flaschen mitbringen oder dort welche kaufen


Meistens brauchen wir 3 Liter Milch. Die kommt in einen Topf und wird auf 37 erwärmt. Rohmilch wird vorher pasteurisiert. Beim Pasteurisieren wird Rohmilch für 20 Sekunden auf 75 Grad erwärmt. Dadurch werden Keime abgetötet. 



Wenn die Milch 37 Grad hat, kommt Calciumchlorid in die Milch. Das sorgt dafür, dass der Käsebruch fester wird. Ebenso kommen Starterkulturen in die Milch. Das sind Milchsäurebakterien . Zusammen mit dem Lab sorgen sie dafür, dass sich die festen Milchbestandteile zusammenpappen und Käsebruch entsteht. Damit das in Ruhe passieren kann, lassen wir die Milch 30 Minuten ruhig stehen. Dann ist die Gallerte entstanden. Die festen Bestandteile der Milch haben sich von der Molke getrennt. Meine Aufgabe ist es, den Bruch zu schneiden. Ich schneide dazu die Gallerte in Würfel.



Dann lassen wir die Masse wieder 30 Minuten ruhen, damit sich noch mehr Molke bilden kann. Später wird umgerührt bis nur noch kleine Stücke Käsebruch vorhanden sind. Den zerkleinerten Bruch schöpfen wir dann in eine Käseform . Die Molke fangen wir auf. Man kann sie trinken oder verbacken oder ins Badewasser tun. Auf die Käseform kommt ein Pressdeckel. Dann stellen wir ein Wasserglas darauf. 



Der Käse wird gepresst und in den ersten Stunden öfters gewendet. Dadurch fließt noch viel mehr Molke aus dem Käse. Nach 90 Minuten kommt der Käse in den Kühlschrank. Die Kälte stoppt die Säuerung. Auch jetzt wird der Käse noch ab und zu gewendet . Am nächsten Tag ist der Käse fertig gepresst. Er wird in Scheiben geschnitten und für etwa 10 Minuten in heißes Wasser gelegt. Danach wird er in kaltem Wasser schnell abgekühlt. Als Pfannen- und Grillkäse ist er jetzt fertig. 



Ich finde ihn lecker






Wie hat Nick (der auf einer Förderschule für geistige Entwicklung war und viele Dinge dort nicht lernen durfte) den Text hinbekommen? Nachdem klar war, dass er über unsere Käserei bloggt, habe ich für ihn einen Lückentext erstellt. Die Antworten hat er sich aus dem Käsereibuch gesucht, die in der Tabelle von den Internetseiten beider Betriebe und bei Hemme-Milch von einer Milchverpackung. Er hat ein paar Tage für alles gebraucht - aber dabei hat er noch viel mehr gelernt: Warum man fürs Käsen jodfreies Salz braucht, ein bisschen was über Chemie (das hatte er in der Schule nicht), wie Lab und Milchsäurebakterien funktionieren, was es mit den Schimmelkäsen auf sich hat und so weiter. Übrigens haben Bauernhöfe mit Flächen in Landschaftsschutzgebieten / Biosphärenreservaten besondere Auflagen. Deshalb ist Hemme zwar konventionell aber... 



Donnerstag, 31. August 2017

Über den Tellerrand geschaut: Die Milchtankstelle




Nun sind wir schon etwas länger wieder aus dem Urlaub zurück - und ich habe euch immer noch nicht von der Milchtankstelle berichtet, die wir besucht haben. Zum Team "Milchtankstelle" gehören auch die beiden neugierigen Ladys da oben auf dem Bild. 

Also, wir waren in unserer alten Heimat, in Wahnbek und dort gibt es seit einem Jahr auf einem Bauernhof eine Milchtankstelle. Das bedeutet, man kann dort von 6 - 22 Uhr problemlos Milch direkt vom Erzeuger kaufen. Ohne klingeln, ohne die Leute zu nerven und unter Einhaltung der Hygienevorschrift. Wer schon älteren Semesters ist, wird mitunter sagen: "Na ja, früher sind wir mit unseren Milchkannen zum Bauern und haben da direkt die Milch weggeholt!". Wir leben aber 2017 und in Deutschland und "direkt vom Bauern" ist heute oft gar nicht mehr machbar. Riesige Tanks als fast in sich abgeschlossene Systeme und diverse Vorschriften über "Vorzugsmilch" sorgen dafür. 



Dazu kommt, dass viele Landwirte das sowieso nicht mehr so gerne machen. Als Beispiel nehme ich mal den, wo früher unsere Ponys auf dem Hof standen. Der hat auch Milchvieh, ist Ausbildungsbetrieb und hat auch öfters mal Gruppen auf dem Hof, denen er die Landwirtschaft erklärt. Auch Schulklassen. Weil es eigentlich "dazu gehört" hat es früher dann auch immer "Milch direkt vom Hof" gegeben. 50 - 100 Meter vom Euter der Kuh bis zum Magen des Endverbrauchers.

Einmal kam danach das Gesundheitsamt. Eine Mutter hatte sich beschwert, ihrem Kind wäre es danach sehr schlecht gegangen, es hätte eine Salmonellenvergiftung gehabt und Schuld daran konnte ja nur die Kuhmilch sein. Also wurde mit einem riesen Aufwand alles getestet und überprüft - und es wurde nichts gefunden. Zumal auch andere Kinder von der Milch getrunken hatten und dann ja auch hätten krank werden müssen.  Das Ende vom Lied war, der Hof hatte viel, viel, viel Ärger - und Schuld war NICHT die Milch - sondern am gleichen Tag hatte es irgendwo Hähnchen gegessen. Und DAS war die Ursache dafür - nur kam das erst später heraus. Seit dem gibt es dort deshalb keine frische Milch mehr für Leute, die nicht zum Hofteam (oder zu persönlichen Gästen) gehören.



So, aber nun zur Milchtankstelle - die findet man in dem kleinen und schön geschmückten Häuschen. Es ist innen geteilt und im hinteren Bereich, unzugänglich für Besucher, befindet sich der Kühltank, der die Milch auf 2,5 Grad herunterkühlt. Im vorderen Bereich ist die Bedieneinheit mit Münzeinwurf und dem Zapfhahn hinter einer Klappe. Zudem gibt es Regale, auf denen dann auch mal bunte Sträuße oder selbstgemachte Marmelade angeboten werden, eine Pinwand, einen Hocker für die Kinder und viel Infomaterial. 



Beim zweiten Besuch war Nick mit, damit ich Fotos machen kann, wie die Milchtankstelle funktioniert. Praktischer Weise wurde dann gerade Silo gefahren - also Winterfutter für die Kühe hergestellt. Grassilage ist so ein bisschen wie "Sauerkraut für Kühe". Durch die Milchsäuregärung unter Luftabschluss bleibt das Gras lange haltbar. Nur wenn die Folie kaputt gemacht wird und das Grad anfangen kann zu schimmeln, dann wird es für die Kühe unbrauchbar, weil sie sich dann daran vergiften können. 

Die Milchtankstelle wird gut angenommen, denn dort bekommt man Milch so, wie sie aus der Kuh kommt - nur eben heruntergekühlt. Das nennt sich Rohmilch. Die Milch im Kühlregal beim Discounter ist Frischmilch. Die ist schon pasteurisiert, das heißt, sie wurde auf ungefähr 67 Grad erhitzt um einen Teil der Bakterien abzutöten, die in der Milch vorkommen. Dann bekommt man im Discounter noch Milch, die nicht im Kühlregal stehen muss - die ist "ultrahocherhitzt". Das bedeutet, diese Milch ist auf über 100 Grad erhitzt worden und damit faktisch totgekocht. So schmeckt sie für uns letztlich auch: totgekocht. Wenn so eine totgekochte Milch dann noch fettarm ist, ist sie faktisch "Schlabberwasser". Nicht unser Ding. Vielleicht fällt einem jetzt ein, dass auf solchen Milchverpackungen dann noch etwas steht: H-Milch. Das "H" steht für "homogenisiert" (und nicht für hocherhitzt!) - das bedeutet, die Milch mit ihrer jeweiligen Fettstufe von 1,5 oder 3,5 % wird in der Molkerei auf dem Weg in die Milchtüte durch ein ganz, ganz feines Sieb gedrückt. Dieses Sieb sorgt dafür, dass sich das Fett - also die Sahne, die im Normalfall als Flocken auf der Milchoberfläche absetzt - in ganz kleine "Kugeln" aufteilt die sich dann gleichmäßig in der Milch verteilen und sich nicht an der Oberfläche absetzen. Eben dafür, dass sich eine homogene (gleichmäßige) Flüssigkeit bildet. 

In der Milchtankstelle haben wir eine Flasche aus braunem Glas erstanden um darin die Milch abzufüllen. Die Flaschen werden nicht zurückgenommen und müssen dann halt zu Hause gründlich gesäubert werden, bevor neue Milch darin abgefüllt wird. Für den Liter Milch frisch vom Hof haben wir dann 1 Euro bezahlt. Natürlich ist das kein "Reingewinn", denn so ein Hof ja Unkosten und auch die Milchtankstelle selbst hat sicherlich einige tausend Euro gekostet - aber ich bin sicher, dass die Familie von jedem Euro, den sie für Milch aus der Milchtankstelle bekommt, mehr hat als wenn sie auch diese Milch noch an die Molkerei abgeben würde. Für einen Liter Milch, den ein Landwirt an die Molkerei verkauft, bekommt er je nachdem mit welcher Molkerei er einen Vertrag hat, ungefähr 23 - 28 Cent. Das ist total wenig, wenn man überlegt, wieviel die Bewirtschaftung eines Hofes kostet und dass er mit seiner Familie davon auch noch leben muss! 


Von daher ist es auch völlig irrelevant für den Landwirten, ob die Butter gerade teuer ist - dann das, was die Butter grad mehr als vor ein paar Monaten kostet, kassiert die Industrie. Auch die netten Facebookbilder "Teile dies, wenn du auch 1 Euro für einen Liter Milch bezahlen würdest, damit die Höfe überleben können" - ich glaube, die WENIGSTEN Leute, die das teilen, kaufen im Endeffekt tatsächlich dann die Milch, die mehr kostet. Wir bezahlen ohne zu Maulen auch gerne 1,09 Euro bzw. 1,19 Euro für regionale Frischmilch aus der Uckermark. Die kommt von Hemme-Milch, ist in netten Milchtüten und hat einen Fettgehalte von 3,8 %. Wobei - wir haben Rohmilch mit nach Neuruppin genommen und dann auch gleichzeitig Hemme-Milch gehabt: die Rohmilch war vom Geschmack her definitiv noch besser als es die Hemme-Milch im Vergleich zur regulären Frischmilch ist. Mitlerweile wurde mir dann mitgeteilt, wo ich hier Milchtankstellen finde: Bei Edeka in der Trenckmannstraße ist eine, in Gottberg gibt es eine und dann eine in Oberhavel. Cool.



Aber zurück zur Milchtankstelle, die wir besucht haben: Die hat eine eigene Facebookseite, (klick mich, ich bin ein Link). Überhaupt mag ich die Initiative "Milchland Niedersachsen" sehr, denn in dem Bereich gibt es viele tolle Sachen. So zum Beispiel auch "my kuhtube" (Klick mich, ich bin ein Link). Falls ihr hier in einem Laden die Tüten von Hemme-Milch findet - ich glaube, während der Weidesaison haben die vorne auf den Tüten ihren "Kuh-R"-Code. Also so ein Quadrat mit schwarzen und weißen "Frisseln" wie früher, wenn das Fernsehprogramm zu Ende war und nur noch Schnee im Schwarz-Weiß-Fernseher gekommen ist. Damit ihr nicht nur "Ganzweitweg" mal Kühe gucken könnt sondern auch "Vieldichterdran" hier der "Kuh-R-Code" (als Link, bitte anklicken). 

So, und nun mögen alle "die Kühe dürfen niemals raus" und "Scheiß Massentierhaltung" (was bitte ist das eigentlich genau in Zahlen definiert?)-Leute mich mal ganz beherzt...